Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Buch des Monats März:

Mathias Enard, Kompass. Roman, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, Hanser Berlin 2016, 432 Seiten, ISBN: 978-3-446-25315-5

 

Hinreißender Liebesroman voller Leidenschaft und Sehnsucht, meditative Gedankenreise voller Einsichten und Assoziationen, Schmöker mit tausendundeiner Grille, postmodernes Spiel aus unterschiedlichsten Bausteinen von Form und Inhalt, romanhafte Aufzeichnungen einer Nacht; weit in Raum und Zeit ausschweifende Erzählung, die Orte und Länder, Religionen und Kulturen in West und Ost berührt, kreisende Erwägung über die Beziehungen zwischen Kunst und Wirklichkeit, die Beziehung von Musik und Literatur, den Kontrast zwischen Poesie und Politik. Nicht zuletzt ein Buch, das es wagt, immer wieder auch mit Skepsis und lichter Vernunft um die großen Fragen nach den letzten Dingen zu ringen.
All das und noch viel mehr ist ‚Kompass‘ des französischen Schriftstellers Mathias Enard, in dem eine schlaflose Nacht im Leben des Wiener Musikwissenschaftlers Franz Ritter begleitet wird, der nach einer alarmierenden medizinischen Diagnose in Gedanken nochmals die Orte seiner Forschungsreisen aufsucht: Istanbul, Damaskus, Aleppo, Palmyra. Und der damit immer wieder auch seiner großen Liebe Sarah begegnet, die als Orientalistin vor allem über den Einfluss östlicher Kultur und Religion auf den Westen forscht und publiziert. Immer wieder werden im Roman Enards auch Versatzstücke deren (fiktive) Veröffentlichungen montiert, Briefe und Aufsätze Sarahs, die meditativ kreisend eben jene Grenze ausloten, die auch Franz Ritter umtreibt. Dieser aber erweckt zugleich oft den Eindruck eines ‚Ritters von der traurigen Gestalt‘, ähnelt zuweilen Musils ‚Mann ohne Eigenschaften‘– dies nicht zufällig eine der zahlreichen zitathaften Assoziationen, die uns lesend in Enards Buch begegnen. Wichtige Paten in Ritters Gedanken und Enards Schreiben sind zudem vor allem der portugiesische Dichter Fernando Pessoa, die Schweizer Reiseschriftstellerin Annemarie Schwarzenbach sowie auch der Doktor Faustus-Roman Thomas Manns: „Denn die Musik ist eine schöne Zuflucht vor der Unvollkommenheit der Welt und dem körperlichen Verfall.“ (50). In Stil und Tonart erinnert mich Enards Schreiben jedoch vor allem an die melancholischen Bücher W.G. Sebalds, etwa ‚Austerlitz‘ oder auch ‚Die Ringe des Saturn‘. Verwandt scheinen die beiden Schriftsteller neben stilistischer Nähe und kulturell-geschichtlichen Grenzgängen vor allem auch darin zu sein, dass in ihren großen Zeitläuften immer wieder kleine Denkmäler für die vielen Opfer der Geschichte gesetzt werden, Miniaturen von poetischer Schönheit, Präzision und aufwühlender Wirkung, die sich lesend wie Widerhaken in die Seele setzen. Enards Schreiben ist alles andere als leicht: „So sehr überstrahlt die Reise ihr Ziel, zerstreut und vervielfältigt es in Bildern und Einzelheiten, bis ihm jede Wirklichkeit abhandenkommt.“ (74) Es verlangt einem lesend Wachheit und Aufmerksamkeit ab, die Bereitschaft, sich auf Assoziationen, Kreuz- und Querbezüge einzulassen – und so aber unendlich bereichert wiederaufzutauchen aus und unendlich beschenkt zu sein von diesem Autor, dessen Werke Zumutung sind und süchtig machen zugleich:

Mathias Enard, 1972 geboren, lebt in Barcelona. Auf Deutsch erschienen von ihm die Romane Zone (2010), für den er den Candide-Preis 2008 erhielt, Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten (2011), ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt des lycéens 2010, und zuletzt, 2013, Straße der Diebe. Für den Roman Kompass erhielt er den Prix Goncourt 2015.
Franz Ritter, verschrobener Musikwissenschaftler, der in Wien zurückgezogen forscht und schreibt, erhält einen niederschmetternden medizinischen Befund – wobei bis zum Ende des Romans auch offen bleiben wird, ob hier nicht eine erhebliche Portion Hyperchondrie ihren Teil dazu beiträgt, dass er nachtlang wachliegt und über Stationen und Passagen seines Lebens nachdenkt. Und vor allem über seine Beziehung zur Orientalistin Sarah, die seine große Liebe ist, mit der er an verschiedenen Orten immer wieder zusammengetroffen ist und von der er auch heute noch Briefe und Aufsätze erhält, die ihn nicht nur inhaltlich bewegen und anregen zu Gedankenflügen, sondern ihn vor allem auch schmerzhaft an seine Sehnsucht erinnern, die ihn bis heute nah für Sarah fühlen lässt. (In einer wunderbaren Beschreibung skizziert Ritter/Enard Sarah so: „Sarah liebte das Lesen, das Lernen, das Träumen und das Reisen: was weiß man im Alter von siebzehn schon vom Reisen, man mag die Geräusche, die Wörter, die Karten, alles, was damit zusammenhängt, und sein ganzes Leben lang versucht man dann, in der Wirklichkeit die kindlichen Wunschbilder wiederzufinden.“ (221)) Wieweit diese Beziehung zwischen ihm und Sarah reicht, und dass sie vielleicht von Beginn an stets auch das Moment des Verzichts in sich trug, das beschreibt eine nachsinnende Passage Ritters, die ich hier ausführlich zitiere, weil sie zugleich typisch ist für den Stil Enards und vor allem (auch mit dem Zitat Robert Musils!) für die Weite der Dimensionen, die er damit umkreist – und bei einem selbst lesend auslöst:
„Während ich Sarah beobachtete, die mit großer Mühe den Hang des kleinen Hügels erklomm wie Ulrich, der nach den Hieben gerade seine Bonadea kennengelernt hatte, war die Wüste ganz sicher gleichermaßen der Ort der Erleuchtung wie der Verlassenheit, wo Gott auch durch seine Abwesenheit seine Umrisse zeigte, ein Widerspruch, auf den Ulrich in Musils Roman den Finger legt: ‚… daß Roheit und Liebe nicht weiter voneinander entfernt seien als der eine Flügel eines großen, bunten stummen Vogels vom andern,/Er hatte den Ton auf die Flügel und den bunten, stummen Flügel gelegt, - ein Gedanke ohne rechten Sinn, aber voll von einem wenig jener ungeheuren Sinnlichkeit, mit der das Leben in seinem maßlosen Leib alle nebenbuhlerischen Gegensätze gleichzeitig befriedigt; er bemerkte nun, daß seine Nachbarin das nicht im geringsten verstand, dennoch war der weiche Schneefall, den sie im Wagen verbreitete, noch dichter geworden.‘ Sarah ist dieser weiße Schneefall über der Wüste, dachte ich, als sie mich fast eingeholt hatte oben auf der Anhöhe, von wo aus es nichts zu sehen gab.“ (188)
Ritter (und mit ihm Enard) ist ein leidenschaftlich hoffender Mensch, dass Liebe selbst die größten Unterschiede überwinden und verbinden kann, dass Ost und West, Christentum und Islam sich wechselseitig durchdringen und in dieser wechselseitigen Synthese bereichert und durch den Reichtum des jeweils anderen kreativ weiter werden. Eines der Hauptmomente in Enards Roman ist der dichterische Anlauf, inwieweit und wie vielfältig die westliche Kultur längst durchdrungen ist von orientalischen Einflüssen, nicht nur unendlich bereichert, sondern schlechterdings in ihrer Gestalt unvorstellbar. Das vermeintlich Fremde ist längst Teil von unserer Kultur, es auszugrenzen ist nicht nur kultur- und geschichtsvergessen, sondern schließt auch Anteile aus, die längst die eigene Identität prägen. Anders gesagt: Wo wir das andere ausgrenzen, schließen wir uns selbst von Quellen ab, die das Eigene ausmachen. An einem der zahllosen Beispiele aus Enards Roman, Prousts ‚Suche nach der verlorenen Zeit‘, klargemacht, wenn Enard Ritter sinnieren lässt: „Proust hat Tausendundeine Nacht zu einem seiner Modelle genommen – das Buch der Nacht, das Buch des Kampfs gegen den Tod… er durchwirkt seinen ganzen Roman mit dem Goldfaden des arabischen Wunderbaren; Swann hört eine Geige wie einen Geist der Wunderlampe sich aufbäumen, eine Symphonie offenbart ‚alle Edelsteine aus Tausendundeiner Nacht‘. Ohne den Orient (diesen staatenlosen Traum auf Arabisch, Persisch und Türkisch, den man Orient nennt) gäbe es keinen Proust, keine Suche nach der verlorenen Zeit.“ (210f)
Enards Roman ‚Kompass‘ ist ein rauschhaft wirkender Strom von tausendundeinem Gedanken einer Nacht, ein leidenschaftlicher Appell an die Möglichkeiten der Synthese von Ost und West, Ausdruck von Hoffnung wider alle Hoffnung und den niederschmetternden Eindruck anders erlebter Realität: „Kann die Einheit der Conditio humana –mitten unter denen, die andere abschlachten, aushungern, die Umwelt verschmutzen- noch Grundlage von etwas sein? Keine Ahnung. … Die menschliche Gattung gibt zurzeit nicht gerade ihr Bestes. Man möchte sich am liebsten in seine Bücher, seine CDs und seine Kindheitserinnerungen verkriechen.“ (341) Und doch hält Ritter und mit ihm Enard (oder umgekehrt…!) am Schreiben fest, setzt mit Dichtung und Poesie ein Denkmal, dass es, entgegen einer oftmals anders wirkenden, bedrückenden gegen- und widerwärtigen Realität eine andere, versöhnte Wirklichkeit gibt, in der Tiefe und Weite gewagt und gestaltet werden. Und er langt dabei, auch das, immer wieder in Räume des ganz anderen: „Was wir zu verstehen glauben, worauf wir zu warten glauben.“ (285) Dies eine weitere, transzendente Ebene dieses so vielschichtig wunderbaren Romans, auch wenn Enard dies immer zugleich auch zurücknimmt, etwa, wenn er Ritter in einer paradoxen Wendung seufzend beten lässt: „Herr, hab Mitleid mit denen, die wie ich keinen Glauben haben und auf ein Wunder warten, das sie nicht erkennen können. Dabei ist das Wunder greifbar nahe für uns gewesen.“ (398) Vor allem aber ist ‚Kompass‘ eine poetische Erinnerung an die Opfer der Geschichte von Terror, Krieg und Zerstörung, die Toten und die Trümmer, verursacht durch Nichtverstehen und Ausgrenzung in unserer Zeit. Das Buch endet mit der schlichten Zueignung: ‚Für die Syrer.‘ Oder, um nochmals mit einer dieser herrlichen Miniaturen Franz Ritters zu enden, der einen Artikel über Julien Jalaleddin Weiss ersinnt, einen Konvertiten, „der vor kurzem an Krebs gestorben ist, einen Krebs, der so sehr mit der Zerstörung Aleppos und Syriens einhergeht, dass man sich fragen kann, ob die beiden Ereignisse nicht zusammenhängen – Weiss lebte zwischen den Welten; und er war der größte Kanunspieler in Orient und Okzident geworden, und er war ein großartiger Wissenschaftler. (…) Heute ist die Karawanserei von Jalaleddin Weiss in Aleppo niedergebrannt, und er selbst ist tot, vielleicht daran gestorben, dass er mit ansehen musste, wie das, was er geschaffen hatte (eine Welt gemeinschaftlicher Ekstase, der möglichen Übergänge, der Teilhabe an der Andersheit) von den Flammen des Krieges verzehrt wurde“. (178ff)


Dirk Steinfort

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