Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Buch des Monats Juni

Philip Roth, Nemesis, aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren, 222 Seiten, Carl Hanser Verlag, München 2011, ISBN 9783446236424 (inzwischen auch als TB!)

Der amerikanische Autor Philip Roth, zeitlebens als Kandidat für den Literaturpreis gehandelt, schrieb gegen Ende seines Lebens mehrere kürzere Romane, die in bewegender Weise Grundfragen der menschlichen Existenz wie Liebe und Schuld, Alter, Sterben und Tod thematisieren und den Leser dabei auf mitreißende Art mit seinem eigenen Leben und den ersten und letzten Fragen konfrontieren.

Philip Roth, geboren 1933 in Newark, New Jersey, gestorben 2018, unterrichtete an verschiedenen Universitäten in den USA Englisch, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Im Jahre 2001 erhielt er die höchste Auszeichnung der American Academy of Arts and Letters, die Goldmedaille für Belletristik, die alle sechs Jahre für das Gesamtwerk eines Autors verliehen wird. 2006 wurde Philip Roth mit dem Pen/Nabokov-Preis ausgezeichnet, 2007 erhielt er den Saul-Bellow-Preis des Schriftsteller-Verbands und 2009 den Welt-Literaturpreis.

Zusammen mit den Romanen "Jedermann", "Empörung" und "Demütigung" ist der Roman ‚Nemesis‘ eine Tragödie altgriechischer Dimension. Lesend fühlt man sich an die Wucht mancher Passage bei Dostojewski oder Camus erinnert, denn auch Philip Roth erzählt von der Todesverfallenheit und Gottverlassenheit des Menschen. Dennoch ist dieser Roman bei aller tragischen Dramatik und bedrückenden Düsternis auch ein hoffnungsvolles Buch, setzt Roth doch auch immer wieder auf die Tapferkeit des Menschen, sein Schicksal anzunehmen und durch Engagement füreinander entscheidend zu prägen. Aber, wie Markus Gasser in der FAZ schrieb, „es ist Roths Geheimnis, dass er über die unerfindliche Schönheit seines Stils und struktureller Spannungsfinessen dem Leser jenen Trost gewährt, den er seinen Geschöpfen versagt.“

Die ‚Story‘ ist schnell erzählt: Eine schreckliche Epidemie bedroht im brütend heißen Sommer von 1944 die Einwohner von Newark: Polio. Der Sportlehrer Bucky Cantor kümmert sich hingebungsvoll um seine Schüler. Nach Ausbruch der Krankheit versucht er, in einer von Angst, Panik und Leid gezeichneten Situation die Ruhe zu bewahren, doch vergeblich. Dass im Jahr 1944 noch nichts über die Übertragungswege der Polio-Krankheit bekannt war, ist die Voraussetzung der Geschichte, die die Erzählung in Gang setzt und die zugleich die Theodizeefrage stellen lässt, durch die dem absolut zufällig Willkürlichen und Unbegreiflichen einen Sinn beizulegen: „Er staunte über die Vielfalt des Lebens und über die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber den Umständen. Und wo kommt Gott bei all dem ins Spiel?“ (122) Hysterisch reagieren die Bewohner von Newark auf die immer größere Kreise ziehende Epidemie. Sind es die Mücken im Park? Ist es der Müll auf den Straßen? Die sengende Hitze selbst? Eltern holen ihre Kinder von der Straße, verbieten ihnen, sich der Sonne auszusetzen, die öffentlichen Trinkbrunnen zu benutzen und die Leihbücherei zu besuchen. Wer kann, flüchtet in die Berge oder ans Meer, nur fort aus der verfluchten Stadt. Ein Gammler, der alte, geistesschwache Horace wird attackiert und für die Ansteckung verantwortlich gemacht. Als ein paar italienische Halbstarke am Sportplatz auftauchen und den Kindern Angst machen, indem sie demonstrativ auf den Boden spucken, um, wie sie sagen, die Seuche in deren bislang noch verschont gebliebene Gegend zu bringen, gelingt es Bucky, durch seine Entschlossenheit die Störenfriede zu vertreiben. Sein tapfererer Einsatz macht ihn zum Helden der Kinder, die ihn bisher schon als Lehrer und Sportskanone bewundern. Aber auch Bucky ist nicht frei von Angst und Panik. Den Eistee, der ihm angeboten wird, als er den Eltern eines der verstorbenen Jungen seinen Kondolenzbesuch abstattet, lässt er unberührt, obwohl seine Kehle ausgedörrt ist von der Hitze. Den saftigen Pfirsich aber lehnt er nicht ab, denn es ist der Vater von Marcia, der Frau, mit der er sich verloben will, der ihm die Frucht reicht. Marcia arbeitet in einem Ferienlager in den Poconos und bedrängt Bucky sanft, den Job als Bademeister im selben Camp anzunehmen, den sie ihm besorgt hat. Aber Bucky ist entschlossen, in Newark die Stellung zu halten. Die Epidemie erreicht das Camp, und als auch Bucky krank wird, gerät er ins Grübeln, ob er selbst es ist, der den Virus eingeschleppt hat. Hier jedoch bricht die Fabel jäh ab und springt ins Jahr 1971, in dem sich endlich der Erzähler des Romans zu erkennen gibt. Es ist einer von Bucky Cantors ehemaligen Schülern. Selbst von der Kinderlähmung gezeichnet, schildert er, was aus seinem Lehrer wurde: ein verbitterter und vereinsamter Krüppel, der auf Marcia verzichtete und sich als Postbeamter über die Runden bringt.

Philip Roth benennt seinen Roman nach der griechischen Rachegöttin „Nemesis“ und so hadert auch die Hauptfigur Bucky Cantor in diesem bewegenden Roman immer wieder mit seinem Gott, der neben dem Zweiten Weltkrieg auch noch die Kinderlähmung in die Welt gebracht hat. Was Bucky als bösen Willen seines Gottes ansieht, bezeichnet der Erzähler jedoch als „Tyrannei der Umstände“, in die Bucky verwickelt wird und die sein Leben prägen: „Manchmal hat man Glück und manchmal eben nicht. Jeder Lebensweg ist dem Zufall ausgeliefert; vom Augenblick der Zeugung an regiert der Zufall…“ (189)

Der Roman ist bis in die kleinen Details konstruiert, durchdacht wie eine lehrhafte Parabel und doch meisterhaft leicht geschrieben, poetisch federleicht, wie eben ganz große Literatur es ist. Denn immer wieder durchbricht Philip Roth die großen letzten Fragen mit ganz alltäglichen, banalen Kleinigkeiten, aus denen sich unser Leben letztlich eben auch zusammensetzt – und in denen die Hauptfigur am gegebenen Ort selbst Verantwortung für sein Handeln und die Möglichkeit, dadurch einzugreifen, übernimmt. Ein Beispiel dafür: „Er wollte fragen: Hat Gott kein Gewissen? Wo ist Seine Verantwortung? Oder kennt Er keine Grenzen? Stattdessen sagte er: ‚Finden Sie, dass die Sportplätze geschlossen werden sollten?‘“ (85) Dabei gelingt es Roth immer wieder, in wunderbar poetischer Weise Situationen zu erfinden, die den Möglichkeitssinn herausfordern, die den Leser in ebensolche Spiralen, Abgründe und Weiten hineinleiten, die das gerade Gelesene als eben nur eine Möglichkeit unter vielen anderen Versionen begreifen lässt. Dabei schreibt Roth im besten Sinn so schön, dass die Ästhetik zuletzt auch die Gegen-Sage gegenüber dem Tod unternimmt. In diesen stärksten Momenten fallen der Inhalt des Romans und seine Erzählweise zusammen und es findet sich in der Gegenwartsliteratur wohl kaum einen Dichter von solcher Weite: „Beim Abendessen betrachtete er seine Großmutter, während sie ihm das Essen auftat, und fragte sich, ob seine Mutter wohl so ausgesehen hätte, wenn sie das Glück gehabt hätte, fünfzig Jahre älter zu werden: zart, gebeugt, mit spröden Knochen und Haar, das seit Jahrzehnten nicht mehr dunkel, sondern zu einem dünnen weißen Flaum geworden war, mit schlaffer Haut in den Armbeugen und unter dem Kinn, mit Gelenken, die morgens schmerzten, und Knöcheln, die abends anschwollen und pochten, mit durchscheinender, papierner Haut auf den Händen und Katarakten, die das, was sie sah, verschleierten und verfärbten. Das Gesicht über dem verfallenen Hals war ein dichtes Gespinst aus feinen Falten und Runzeln, so winzig, dass sie mit einem weit weniger groben Werkzeug als der Keule des Alterns erzeugt zu sein schienen, den Klöppeln einer Spitzenmacherin etwa oder einer Radiernadel, geführt von einem Meister, dessen Kunst sie so alt erscheinen ließ wie nur irgendeine Großmutter.“ (98f) Und immer so weiter, und die Größe dieser Literatur hat sicher auch etwas mit der Fähigkeit von Dirk van Gunsteren zu tun, diese Sprache kongenial und unspürbar ins Deutsche zu übersetzen!

 

Dirk Steinfort

theologie-und-literatur.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.