Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Buch des Monats Februar

Francesca Melandri, Alle, außer mir, aus dem Italienischen von Esther Hansen, Wagenbach Verlag, 608 Seiten, ISBN 9783803132963

Was für eine Konstellation: Die Lehrerin Ilaria staunt nicht schlecht, als eines Tages ein Afrikaner vor ihrer Wohnung sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. Sein Name klingt unbekannt und vertraut zugleich: Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti – denn Attilio Profeti ist der Name ihres Vaters! So nimmt Ilaria den jungen Mann auf und beginnt zugleich, der Biografie ihres Vaters nachzuspüren. Ein Unterfangen, das nicht leicht ist, denn der Vater lebt mit fortgeschrittener Demenz in einem Pflegeheim, von ihm selbst ist also nicht mehr viel zu erfahren. Dabei stößt Ilaria auf die bisher vor ihr verborgen gebliebene, erschütternde Geschichte.

Francesca Melandri schreibt eine außergewöhnliche Familiengeschichte und zugleich eine historische Erzählung, die die gegenwärtigen Flüchtlingsströme in den Horizont der Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert stellt: „Auswandern ist allumfassend und zugleich sehr banal: Wenn ein Wesen an einem Ort nicht mehr überleben kann, stirbt es oder geht weg. Menschen, Thunfische, Störche, galoppierende Gnus in der Savanne. Auswanderungswellen sind wie die Gezeiten, wie Stürme, wie die Umlaufbahnen der Planeten, wie Geburten, sie lassen sich nicht aufhalten. Und schon gar nicht mit Gewalt, obwohl dies eine weitverbreitete Illusion ist.“ (45)

„Alle, außer mir“ ist der Abschluss von Melandris Trilogie der italienischen Geschichte im 20. Jahrhundert – nach den Romanen „Eva schläft“ (über Südtirol in den 60er und 70er Jahren) und „Über Meereshöhe“ (vom linksradikalen Terror der 70er Jahre). Francesca Melandri, selbst Jahrgang 1964, dringt auch in diesem großen Roman tief in die Geschichte Italiens ein, sie erzählt von Kolonialismus und Faschismus, von Schuld und Verdrängung. Verdrängung nicht nur, was die Legenden eines Landes betrifft, sondern auch die Legenden innerhalb der Familien.  Der Roman entwickelt sich dabei auf verschiedenen Zeitebenen, die kunstvoll verknüpft sind und assoziativ ineinander übergehen: Die Nachforschungen Ilarias decken die erschreckende kolonialistische Vergangenheit Italiens in Äthiopien auf, wo ihr Vater in den dreißiger Jahren als Freiwilliger am Abessinien-Feldzug Mussolinis teilgenommen und zudem als Assistent eines Rassekundlers gearbeitet hatte.

Der Roman lebt davon, dass Melandri zwischen den Jahrzehnten und vielen Figuren hin und her springt, dabei aber nie den roten Faden verliert. Mit viel psychologischem Gespür für ihre Protagonisten, mit historischem Hintergrundwissen und genauer Kenntnis ihres Landes erzählt Francesca Melandri von brutalem Rassismus, Propaganda, der Verdrängung und der Korruption.

Die erste Enthüllung verschwiegener Familiengeschichte war dagegen noch vergleichsweise harmlos: Als die damals sechzehnjährige Ilaria ihren Vater fragt, ob er eine Geliebte habe, antwortet Attilio Profeti ihr: „Eigentlich seid ihr zu viert.“ Neben den beiden Brüdern Emilio und Federico gebe es da noch den kleinen Attilio, und ob sie das nicht bei Gelegenheit ihrer Mutter alles sagen könne. Die Familie bricht auseinander, alles renkt sich aber patchworkartig ein. Denn etwas, was in den besten Familien vorkommt, wird auch im Italien der 70er Jahre durch die Einführung eines neuen Scheidungsgesetzes regelbar – wenn auch schon damals nur mit erheblichen Verwundungen, Verwerfungen und wohlgehüteten Geheimnissen. Die Melandri mit großer Leichtigkeit, Souveränität und immer auch wieder mit Witz erzählt: Etwa wenn ihr Vater aus Rücksicht auf die Gefühle seiner geschiedenen Frau bei Ilarias Uni-Abschlussfeier als Frau mit blonder Perücke erscheint - köstlich. Ebenso aber etwa Gaddafis Besuch in Italien in sorgfältig ausgewählter Phantasieuniform und seinen Hahnenkampf mit Berlusconi. Es ist jedoch oft ein Lachen, das einem lesend im Hals stecken bleibt, weil es brutale Wahrheiten hinter den alltäglichen Gewissheiten zum Vorschein bringt, mit denen auch wir selbst uns alle eingerichtet haben:

„Der Hunger in Äthiopien hatte ein Land in den Mittelpunkt gerückt, dessen geographische Lage, wenn nicht sogar Existenz die meisten Menschen bis dahin ignoriert hatten. Nun eilten die berühmtesten Fotografen herbei, um mit tragischen Bildern, perfekt in Szene gesetzt, das Ausmaß der Katastrophe festzuhalten: verdurstende Kinder, abgemagert zu dürren Ästchen…nackte Leichen, deren Knochen und Sehnen mit der Präzision anatomischer Renaissance-Darstellungen hervortraten… Die Bilder waren erschrocken und beruhigt zugleich: Das absolute Elend hatte offensichtlich nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun. Der Hochmut, der aus den Bildern sprach, verneinte jede Möglichkeit einer menschlichen Gemeinsamkeit zwischen Subjekt und Betrachter. So lief Letztere nicht Gefahr, in dem bodenlosen Abgrund echter Empathie zu versinken.“ (159f)

Solche Situationskomik tut gut, denn die tieferen Geheimnisse sind belastend und selbst beim Lesen schwer auszuhalten, dass man lesend froh ist über Passagen zum Aufatmen. Denn verglichen mit dem außerehelichen Sohn mit der Geliebten ist das Geheimnis, was sich Ilaria und damit auch dem Leser Stück für Stück offenbart, von ganz anderer Dimension: Attilio Profeti, der vorgab, Partisan zu sein, entpuppt sich als überzeugter Faschist, der in Äthiopien einen Sohn gezeugt und diesen nie anerkannt hatte. So entbehrt der Ausgangspunkt des ganzen Romans auch nicht einer inneren Plausibilität, wenn der Mann aus Äthiopien, der plötzlich vor ihrer Tür steht, zu Ilaria sagt: "Wenn Attilio Profeti dein Vater ist, dann bist du meine Tante." Ilaria ist zunächst einmal perplex. Noch ein geheimer Bruder? Sie beginnt zu ahnen, dass sie deutlich weniger über ihren Vater weiß, als sie dachte, und sie findet Dinge heraus, nicht nur über ihren Vater, sondern über die Vergangenheit ihres ganzen Landes, die sie in ihrem Leben mehr betreffen, als sie ahnt: „Man sagt, wenn ein Mensch stirbt, ist es, als würde eine ganze Bibliothek in Flammen aufgehen. Ich weiß nun, dass ich nur wenige der geheimen Bücher meines Vaters gelesen habe, bevor das Feuer sie verschlang, und wahrscheinlich auch nicht die wichtigsten… Niemand kann die Bibliothek eines anderen lesen, auch nicht von dem, den er liebt.“ (592f)

Wie aber Melandri all die Stränge ihres Romans und die Lebensläufe und Beziehungsstränge ihrer Protagonisten zusammenhält und kunstvoll verknüpft, das ist wirklich meisterhaft und äußerst lesenswert. Der Roman ist ohne Frage eine Anstrengung, inhaltlich und auch in seiner Konstruktion. Aber wir werden lesend reich beschenkt und auf grundlegende Fragen unseres Lebens gestoßen: Wie gut kennen wir die Menschen, mit denen wir zusammenleben? Wie viele Geheimnisse verträgt eine Familie? Wie viele Geheimnisse verträgt eine ganze Nation? Francesca Melandri stellt hervorragend erzählt die Frage nach der Verantwortung für unser Leben und Handeln, danach, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen und verdrängen, wie wir uns durch Interpretation das Leben und die Lage so zurechtbiegen, dass wir uns heraushalten: „Denn für jeden Menschen ist die Wirklichkeit, in der er lebt, nicht dieselbe, egal, wie kompatibel sie mit der der anderen ist. Sie wird nicht nur von jedem anders beurteilt und anders interpretiert – sie ist eine andere.“ (256)

 

Dirk Steinfort

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... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.