
Transparentpapier über die Landschaft des täglichen Lebens
„In der reinen Gegenwart, in die man sich hineinversetzen möchte, ist der tatsächliche Puls der Zeit ein wildes Brodeln, ein Gewirr sich überlagernder Stimmen, von hastig durchgeblätterten Zeitungsseiten, kurz angelesenen Artikeln, die gleich darauf wieder vergessen sind, durcheinandergeraten, wenn man gerade glaubt, einen Sinn aus ihnen herausgelesen zu haben, Tag für Tag, Wellen von Wörtern, die die Grenzen des Unbekannten aushöhlen…“ (589)
Mit seinem in jeder Hinsicht groß angelegten Roman unternimmt Antonio Muñoz Molina, Jahrgang 1956, einer der herausragenden spanischen Autoren der Gegenwart, den Versuch, im Schreiben in vielen kleinen, so einfühlsam wie genau erzählten Geschichten die eine große Geschichte festzuhalten und so schreibend aufzuheben. Dabei gelingen ihm immer wieder Sätze und Passagen von solcher Klarheit, Präzision und dichterischer Schönheit zugleich, dass man als Leser auch seine eigene Geschichte neu sehen und verstehen lernt.
Die Handlung des Romans ist im vom Bürgerkrieg gezeichneten Spanien des Jahres 1936 angesiedelt und erzählt einige Tage und Wochen im Leben des Ignacio Abel, eines erfolgreichen Architekten, der vor den Kriegswirren flieht, dabei Frau und Kinder zurücklässt - und dabei eigentlich auf der Suche ist nach seiner Geliebten Judith Biely, einer attraktiven Amerikanerin. Mit der hatte er über einige Wochen eine Affäre, ohne dabei jedoch deutlich zu ihr zu stehen und sich damit auch Hintertüren offen zu halten. Durch einen dummen Zufall kommt seine Frau hinter das Verhältnis (wie es dazu kommt, wird so grandios wie quälend genau erzählt!) und unternimmt einen Selbstmordversuch. Grund genug für Judith, ihrerseits das Verhältnis zu beenden, sowohl ihn als auch Spanien insgesamt zu verlassen und nach Amerika zurückzukehren. Der Roman besteht nun eigentlich aus seinem verzweifelten Weg ihr hinterher zu reisen. Dies wird zerfächert in zahllose Gedankensplitter, Erinnerungsfetzen und Spiegelungen, bei denen in sprachlich außergewöhnlich gelungener Weise unterschiedlichste Zeitebenen ineinander verschränkt werden: „Alles musste erzählt werden, alles erfragt, das ganze Leben eines jeden von ihnen bis zu dem nur wenige Monate zurückliegenden Tag, der der erste ihrer gemeinsamen Erinnerung war. (…) Wie nah die andere Seite war, das unantastbare Geheimnis; nur wenige Minuten entfernt, ein paar Hundert Herzschläge nur, die Topografie des Verlangens wie auf einem Transparentpapier über die Landschaft des täglichen Lebens gebreitet.“ (285f) Um ihr nachzureisen, um sie suchen zu können, nutzt Ignacio Abel die Möglichkeit einer Gastprofessur in Amerika, schafft es mit dramatischen Wendungen, Spanien zu verlassen – und hinterlässt dabei eine Spur von Verrat und Versäumnissen. Durch seine Schuld, so zumindest seine nächtelangen Skrupel und Selbstvorwürfe, gehen Menschen im Bürgerkriegsgeschehen verloren und werden vernichtet. Besonders in diesen Passagen erweist sich Muñoz Molina nicht nur als Schriftsteller, der es versteht, mit ausgezeichneter Dichte und Präzision das ungeheure Geschehen in Worte und Bilder zu bringen. Zugleich gestaltet er die entsprechenden Haltungen, die das politische Geschehen erst möglich werden lassen, reflektiert es ethisch und schreibt dabei doch erzählerisch stimmig und stets mitreißend – und dies, wohlgemerkt, über einen Bogen von 1000 Seiten. So, wenn er seine Hauptfigur einmal überlegen lässt: „Widerwillig erkennt er, dass er es erzählen kann und es wahrscheinlich vergebens sein wird; ahnt schon … die ermüdende Nutzlosigkeit seiner Erklärungen, die Unmöglichkeit, dass andere verstehen, sich vorstellen können, was er gesehen hat. (…) Wie soll er … die Angst vorm Sterben verständlich machen, die einen dazu bringt, sich in die Hosen zu nässen; oder die Übelkeit, wenn man zum ersten Mal einen Toten sieht, mit aufgerissenen Augen und geschwollener, schwarzer angelaufener Zunge, die zwischen seinen Zähnen hervorschaut. Gesehen haben oder nicht, das macht den Unterschied aus: davongehen und immer noch sehen; die Augen schließen und die Lider zusammenkneifen, ohne dass es etwas nutzt; mit geschlossenen Augen immer noch das Gesicht eines unbekannten Toten sehen.“ (693f)