Buch des Monats
Diese Rubrik wird betreut von Prof. Dr. Thomas Meurer, PH Karlsruhe. Für Ideen, Kommentare, mögliche Beiträge nehmen Sie bitte Kontakt auf.
Buchtipp des Monats Februar:
Peter Bichsel: Über Gott und die Welt. Texte zur Religion. Suhrkamp, Frankfurt 2009. ISBN 978-3-518-46154-9
Dass sich Peter Bichsel (*1935) über Jahrzehnte immer wieder zur Religion geäußert hat, in Laienpredigt, (Weihnachts-) Geschichten, Zeitungskolumnen und Reden, will zum geläufigen Bild des linkspolitisch engagierten Autors nicht passen. Die jetzt von Andreas Mauz herausgegebene Sammlung verstreuter und z. T. noch gar nicht publizierter Texte „Über Gott und die Welt“ belegt sowohl Bichsels existentielles Interesse an Religion als auch seine kritische Auseinandersetzung mit deren bleibender Doppelgesichtigkeit. Z. B. verfremdet Bichsel in einer Predigt zum eidgenössischen Bettag 2006 im Zürcher Großmünster, eine Woche vor einer landesweiten Abstimmung über Fragen des Ausländer- und Asylrechts, das Gleichnis vom Gastmahl (Lk 14,16–24) mit Blick auf die allenthalben grassierende Xenophobie wirkungsvoll zur Kontrafaktur: „Nicht mehr die Gäste fallen aus, sondern der Gastgeber. Nicht mehr die Gäste stammeln ihre Entschuldigungen, sondern der mögliche Gastgeber.“
Erstaunlich genug: Bichsels Emanzipation verlief nicht vom, sondern durch das Christentum. Da seine Eltern auf Anständigkeit und Diskretion bedacht waren, hatte er als überangepasster Schüler nur die Möglichkeit, sich durch eine frei gewählte pietistische Jugend in einer etwas belächelten Solothurner Freikirche, beim Blauen Kreuz und Bibellesebund zu emanzipieren. Bis 13 ist er übereifriger Sonntagsschüler, dann selber Sonntagsschullehrer und will Missionar werden: „Ich hatte sozusagen den Dreh gefunden, gegen meine Eltern zu rebellieren, ohne dass sie viel dagegen haben konnten.“ Dieses „Erlebnis der alternativen Minderheit“ prägt Bichsels Verständnis des Christseins bis heute: „das Versprechen des Jesus von Nazareth“ ist für ihn „das Versprechen einer Gegenwelt“, zu dessen Einlösung er „keine Mehrheit brauche, weil es in der Minderheit und Machtlosigkeit einlösbar ist“.
Dennoch hat die reformierte Kirche für ihn „ihren Wert als Alternative verloren“, sie habe „der weltlichen Anständigkeit keine eigene entgegenzusetzen“.
In dem eindringlichen Essay „Abschied von einer geliebten Kirche“ hält Bichsel fest, seine religiöse Biographie sei „zu sehr mit der Kirche verbunden, als dass ich sie mit meinem Austritt beleidigen könnte“. Zugleich liegen hier die Wurzeln für kritisch-engagierte Rückfragen nach der Christlichkeit der Christen: „Was ich dieser Kirche, wenn ich sie nicht mag, von Herzen gönne, ist, dass sie ihren Gründer nie loskriegen wird ... Da werden sie predigen können, was sie wollen … Christus ist so oder so der Andere.“ Ja, „eines müssen wir dieser Kirche zubilligen“, betont Bichsel: „Es ist ihr zum mindesten gelungen, die Provokationen jenes nonkonformen jüdischen Philosophen Jesus von Nazareth zu überliefern … die wir dieser Kirche nun mit vollem Recht zum Vorwurf machen können. Die Kirche hat ihre eigene Schizophrenie mitüberliefert.“
„Die Literatur hat die Aufgabe und den Sinn, die Tradition des Erzählens fortzusetzen, weil wir unser Leben nur erzählend bestehen können“, lautet ein Schlüsselsatz aus Bichsels Frankfurter Poetik-Vorlesung (1982). Damit ist zugleich eine ganz eigentümliche Nähe von Poesie und Religion behauptet, wie Mauz in seinem instruktiven Nachwort herausarbeitet. Bichsels Rede bei der Entgegennahme der Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Basel, „Von der Erfindung der heiligen Schriften“ (2004), ist dafür der vielleicht aufschlussreichste Text des überaus lesenswerten Bandes. Sie besteht aus mehreren kunstvoll zu einem Erzählteppich verwobenen Geschichten. Einen roten Faden bildet die „semitische Tradition“, d.h. die Bemühung das Lesen zu lernen, die Schrift zu lernen, um ein guter Jude, ein guter Muslim, ein guter Christ zu werden. Dabei beruft sich Bichsel programmatisch auf Nazim Hikmet, der stolz war, kein Gefängnis verlassen zu haben, ohne dass nicht alle Mitgefangenen lesen konnten: „Die Buchstaben weitergeben, die Arbeit des Missionars.“ Darüber hinaus erzählt Bichsel von einem balinesischen Hindu, der das Ramayana liest.
Dass ihm der islamische Feuerwehroffizier, mit dem er auf der Fahrt von Kairo nach Assuan das Schlafwagenabteil teilt, zu verstehen gibt, er lese „immer, aber nur religiöse Bücher“, ist anfangs nichts als schockierend, „weil für mich richtige Leser Allesleser sind. Einer, der sagt, ich lese, aber nur Bücher über Pferde, meint eigentlich nicht die Geschichte, sondern nur ihren Inhalt.“ Neben der Bibel liegt dem Erzähler sein unverständlicher Lieblingsdichter Jean Paul am Herz, den liest er wie Bruder Klaus seine Meditationsbilder und befindet sich damit „auch in einer religiösen Tradition“. Am Ende, nachdem er die sprachbildende Übersetzungsleistung Luthers gewürdigt hat, der „den einfachen Christen das semitische Lesen zurückgebracht hat“ (wie Schlegel und Tieck den „deutschen“ Shakespeare), versichert er dem Ägypter: „ich lese auch fast nur religiöse Schriften“. Bichsel wäre jedoch nicht Bichsel, wenn er dies nicht gleich dementieren würde. Macht er sich doch bewusst, dass der Feuerwehroffizier und er über gar keine gemeinsame Sprache verfügen. Gemeinsam ist nur das Lesen als Eindringen in die Wunder des Unverständlichen: „Haben wir uns vielleicht gemeinsam im Unverständlichen verstanden?“
Christoph Gellner
Lehrbeauftragter für Theologie und Literatur, Christentum und Weltreligionen
an der Universität Luzern
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