Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Buch des Monats Februar:

Colm Tóibín, Nora Webster. Roman, übersetzt aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini, München: Carl Hanser Verlag 2016, 384 Seiten, ISBN 978-3-446-25063-5

 

Nora Webster könnte meine Mutter sein. Oder meine Nachbarin. Ein unspektakuläres Frauenleben, das nicht weiter auffällt. Von dem nichts Dramatisches zu berichten ist, außer dass sie mit 46 Jahren Witwe wird. In einer Kleinstadt, in der auch ich wohne, ist so ein Schicksal – ihr Mann Maurice war Lehrer - kurze Zeit Thema mancher Straßen- und Kaffeegespräche, bis auch dies wieder vergessen wird. Nora Webster, ein interessanter Name finde ich, aber vielleicht nur, weil ich ihn schon oft gesprochen und angefühlt habe. Inzwischen ist er mir vertraut, vielleicht wohnt sie ja tatsächlich nebenan.
Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Unter seinen Romanen haben besonders 'Brooklyn' (2010) sowie 'Porträt des Meisters in mittleren Jahren' (2005) Eindruck hinterlassen. Seine Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.?a. mit dem IMPAC-Preis. In seinem neuen Roman 'Nora Webster' geht es um ein Frauenschicksal im Irland der späten 60er Jahre. Nora Webster ist wie viele in dieser Zeit Hausfrau, Mutter und Ehefrau und geht in dieser Rolle auf. Bis sie Witwe wird und nichts mehr ist wie vorher. Ein langer Weg der Trauer beginnt, der aber auch ein Weg der Selbstfindung und des Aufbaus eines neuen Lebens ist. Ein bisschen typisch und zu erwarten, aber doch nicht ganz. Die große Dramatik bleibt aus. Die Veränderungen sind im Einzelnen nicht gravierend, nur in der Summe ergeben sie das Bild einer Frau, die ihren eigenen Weg zu gehen lernt, ohne dass ihr vorangehender Weg als Ehefrau kein eigener Weg gewesen wäre. Insofern muss sie als Witwe nichts nachholen, sie muss sich auch nicht befreien. Es ist ein schönes Leben, auf das sie zurückblicken kann und eine gute Ehe, die sie mit ihrem Mann geführt hatte.
Aber gerade das macht den Roman aus. Dass er unspektakulär ist und an keiner Stelle überzeichnet. Der Autor muss nichts Besonderes erzählen und gerade darin liegt das Besondere dieses Romans. Er entfaltet, dass das Leben die besten Geschichten erzählt, weil sie normal sind und echt. Nora Websters Geschichte ist echt, auch wenn es ein fiktiver Roman ist, in dem sie erzählt wird.

Offensichtlich gibt es aber biographische Anklänge, denn auch der Autor hat seinen Vater früh verloren und das Verhältnis zu seiner Mutter gestaltete sich schwierig. Im Roman hat Nora Webster vier Kinder, zwei Mädchen sind schon aus dem Haus, die beiden Jungs noch da. Während ihr Mann im Sterben liegt, hat sie diese mehrere Wochen zu einer Tante gegeben, und es wird im Laufe des Romans deutlich, dass dies für die Jungs nicht einfach war. Einer der Jungs, Donal, stottert und Nora hofft, dass es von allein weggeht, was es aber nicht tut.
Nora Webster ist keine perfekte Frau. Vielleicht war es falsch, die Jungs wegzugeben und damit vom Sterben ihres Vaters auszuschließen. Vielleicht war es falsch, nichts gegen das Stottern zu unternehmen. Aber auch das macht die Geschichte so glaubwürdig. Ihr Weg als Witwe ist nicht leicht. Es fehlt an Geld und es fehlt an einem Partner, mit dem man auf Augenhöhe Entscheidungen beraten kann. Aber es fehlt ihr nicht an Mut, ihren eigenen Weg zu finden und sich Lebensbereiche neu zu erschließen: die Arbeit, die Musik, das politische Engagement in einer Gewerkschaft und vor allem der Zugang zur eigenen Gefühlswelt. Am Anfang einer Trauer geht es ums Funktionieren, weswegen man die Gefühle verdrängen muss. Später bekommen sie Raum und Nora Webster gelingt es, sie wahrzunehmen, zu leben und bei Bedarf auch zu artikulieren.
Der Roman erstreckt sich über drei Jahre, die ersten Jahre nach Maurice Tod. Am Ende räumen Noras Schwestern den Kleiderschrank des Verstorbenen aus und bringen die Kleider weg. Nora hatte es über drei Jahre nicht fertiggebracht, aber jetzt stimmt sie zu. Alte Briefe, die Maurice ihr vor ihrer Hochzeit geschrieben hatte, verbrennt sie im Kaminfeuer. Der neue Plan, in einem Chor zu singen, ist bereits gefasst. In der Trauerarbeit ist eine große Etappe geschafft, wenn man sich von solch intimen Dingen wie Kleidern und Briefen verabschieden kann. Aufhören wird die Trauer nie, aber neben ihr haben jetzt viele andere Dinge Platz. Wie zum Beispiel der Chor, auf den sie sich freut.
Ich persönlich finde für das eigene Ich das Bild des Hauses hilfreich. In diesem richtet sich nach einer Verlusterfahrung ein Trauerraum ein (man richtet ihn zunächst nicht selbst ein). Er drängt sich anfangs auf und man kommt kaum heraus, aber mit der Zeit ist es ein Raum unter mehreren, der ab und zu aufgesucht werden kann oder in dem man sich ab und zu wiederfindet. Zunehmend macht man die Erfahrung, dass man ihn wieder verlassen und andere Räume betreten kann, die es ebenfalls gibt. In Nora Websters Leben kommen sogar einige neue Räume hinzu, der letzte davon ist der Raum für den Chor. Es ist nicht schlimm, wenn der Trauerraum bleibt. Ich glaube, zum Gelingen des Lebens trägt bei, die verschiedenen Räume offen zu halten und manchmal genügt ein Blick über die Türschwelle, man kann vorbeigehen und alles ist wieder gut. Alles ist gut. Trotzdem. So ist Nora Websters Leben geworden und so ist dieser Roman.

Christiane Bundschuh-Schramm  


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