Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Buch des Monats September

Hans Pleschinski: Wiesenstein, C.H. Beck Verlag 2018, ISBN 3406700616, 552 Seiten.

2013 veröffentliche Hans Pleschinski mit 'Königsallee' einen hochanerkannten und vielverkauften Roman,  in dem er ein fiktives Wiedersehen zwischen dem 79-jährigen Thomas Mann und dessen einstiger Liebe Klaus Heuser im Jahr 1954 in Düsseldorf als Ausgangspunkt genommen hatte. Schon damals überzeugte er durch minutiöse Recherche, viel Hintergrundwissen zu Haupt- und Nebenfiguren und vor allem einen mitreißenden, bewegenden Schreibstil. Fünf Jahre später lässt Pleschinski nun einen ebenso ambitionierten, großangelegten Roman über einen anderen deutschen Großschriftsteller und Nobelpreisträger des frühen 20. Jahrhunderts, Gerhart Hauptmann, folgen. Spätestens nachdem Hauptmann 1912 den Literaturnobelpreis erhielt, wurde er zur hofierten Dichterikone, die auch Goebbels und Hitler für sich zu vereinnahmen versuchten. Und Hauptmann war solchen Avancen gegenüber wohl auch nicht ganz fern,  war zwar gegen die Nationalsozialisten, ließ sich aber trotzdem von ihnen feiern.

Wer also ein exzellent recherchiertes, dazu aber auch packend geschriebenes Buch über einen heute -bis auf wenige Dramen- weithin vergessenen Schriftsteller, zugleich aber auch  ein tiefenscharf koloriertes Gemälde über die letzten Kriegsmonate und die ersten Nachkriegsjahre sucht, der liegt mit Pleschinskis 'Wiesenstein' richtig: Lebensporträt, Schicksalsbild und umfassendes Geschichtswerk. Die reichlichen Zitaten aus dem Werk Hauptmanns, die Pleschinski im Roman eingearbeitet hat (und die dessen Lektüre zuweilen etwas mühsam machen), zeugen von dessen intensiver Lektürearbeit im mehr als 11.000-seitigem Werk Hauptmanns. Außergewöhnlich gelehrt, dazu ästhetisch noch raffinierter und Passagen aus Hauptmanns Biografie und Werk geschickt einbindend, brillant geschrieben vermittelt Pleschinski ein faszinierendes Bild der letzten Lebensjahre Hauptmanns, der bis zum Schluss in seiner opulenten Villa Wiesenstein in Schlesien residierte. Die Lage aber ist genau das Problem, denn die sowjetischen Machthaber hatten nach Ende des Krieges kein Interesse daran, dass ein berühmter, mit zahlreichen Preisen hochdekorierter Schriftsteller, der zudem lange Zeit zumindest im Zwielicht einer gewissen Nazi-Sympathie stand, im ihnen zugeschlagenen Machtbereich wohnte. So schildert Pleschinski vor allem im zweiten Teil seines großen Romans die Gespräche und Auseinandersetzungen mit Offizieren und Kulturttachés, die Hauptmann zur Ausreise bewegen, zugleich aber auch keinen öffentlich Aufsehen erregenden Konflikt riskieren wollen. (Einer der Höhepunkte dabei ist ein -historisch belegter- Besuch Johannes R. Bechers bei Hauptmann.) Auch diese Passagen der Begegnungen und Gespräche sind Pleschinski glaubwürdig und bewegend zugleich gelungen, so wie zuvor auch schon die entsprechenden Kapitel über die materiellen und vor allem auch zunehmenden gesundheitlichen Schwierigkeiten des greisen Autors und seiner ihn schützend- und stützenden Frau. Das Ehepaar Hauptmann wird von der Sekretärin und einem Mann begleitet, der als Chauffeur, Krankenpfleger und Masseur dem todkranken Dichter zur Seite stehen soll: "Er war in einem Sanatorium in Dresden. Im Februar 45. Fatal. Am zweiten Tag war der Bombenangriff auf Dresden, bei dem er fast umgekommen ist und innerlich zerbrach. Und er wollte zu Hause sterben." So macht sich Hauptmann mit einigem Begleitpersonal auf den Weg nach Schlesien in sein Refugium, die märchenhaft im Riesengebirge gelegene und gestaltete Villa 'Wiesenstein', die Pleschinskis Roman nicht nur den Titel gibt, sondern die auch zentrale Spiegelebene der Existenzweise Hauptmanns gewesen ist. Dass und wie Pleschinski diesen Ort in seinem Buch erstehen lässt, ist meisterhaft gelungen. In der üppig ausgestatteten Riesenvilla mit ihren erlesenen Kunstwerken und schweren Möbeln besteht der Haushalt mit Archivar, Butler, Köchin, Zofe und Gärtner noch nach Kriegsende unter russischer Besatzung und polnischer Verwaltung fort, während sich ringsum Hunger und Chaos ausbreiten. Pleschinski schildert die Landschaft, die Zustände unterwegs, Soldaten, Kriegsversehrte, Flüchtlinge, die Welt steht in Flammen und versinkt im Chaos. Nicht so die Gegenwelt Wiesenstein.

Die eigentliche Leistung Pleschinskis liegt für mich darin, sozusagen einen 'Innenblick' in die Werkstatt des Schriftstellers, mithin einen so intensiven Blick in das zugleich mühsame wie geniale Entstehen von Kunst und Poesie zu erfinden, der einem lesend große Lust macht, nochmals oder zum ersten Mal die Werke Gerhart Hauptmanns aufzuschlagen, dabei nicht nur die zur Schullektüre verkommenen Sozialdramen, sondern auch völlig im Schatten liegende Romane, Utopien und Dichtungen entdecken zu können: "'Kennen Sie meine Phasen, Pollak?' 'Anfangs durchkämmten Sie das Leben, wie Sie es um Sie herum vorfanden.' 'Dann?' 'Dann – ich hatte es auch Metzkow erzählt – kam eine märchenhafte Note in Ihr Werk. Sie wollten nicht mehr nur den Alltag abbilden, sondern einen Zauber hinzufügen, die Möglichkeit einer Orgie, Visionen der Seele.' 'Aber nun?', forschte er. Sie sann nach. 'Sie füllen eine Leere mit Worten.'“

Hans Pleschinski wurde 1956 in Celle geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaften. Seit 1985 ist er freier Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks. Bekannt wurde er vor allem für seine Herausgabe der Briefe zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen und der Briefe von Jeanne Antoinette Poisson de Pompadour und des Tagebuchs des Herzogs von Croÿ "Nie war es herrlicher zu leben". Mit seinem Thomas Mann Roman "Königsallee", 2013 erschienen, landete er einen Bestseller. Hans Pleschinski ist seit 2015 Direktor der Abteilung Literatur der "Bayerischen Akademie der Schönen Künste", Chevalier dans l’ordre des Arts et des Lettres, ausgezeichnet mit dem Tukan-Preis, dem Literaturpreis der Landeshauptstadt München und vielen anderen. Am Ende des opulenten Romans ist man neugierig und gespannt, nun auch die Werke Hauptmanns zu lesen, was kann es Schöneres geben, als dass so aus Pleschinski-Lesern auch Hauptmann-Leser werden... Es gibt viel entdecken und das Lesen hört nie auf.

PS. Im Roman selbst übrigens taucht Thomas Mann auch auf, wenn auch nur als ferner Schatten und entfernter Widerpart Hauptmanns. Was wohl auch der Historie entspricht, denn beide konkurrierten seinerzeit sehr wohl um öffentliche Anerkennung, Beliebtheit, nicht zuletzt den Erfolg beim Publikum. Und, auch das eine entscheidende Variante, ein unterschiedliches Verhältnis gegenüber dem Nazi-Regime. Während Thomas Mann emigrierte und dann von Amerika aus deutliche Botschaften veröffentlichte, arrangierte sich Gerhart Hauptmann zumindest äußerlich mit den Machthabern und führte die Sonderexistenz eines Künstlers im Elfenbeinturm. „Der eine, Mann, war eher zerebral, der andere, Hauptmann, oft vulkanisch. – Gut, dass wir beide haben! Das ist ein geistiger Reichtum“, so Hans Pleschinski in einem Gespräch mit seinem Lektor Martin Hielscher. Auf den Zwiespalt und das, was Klaus Mann das „Fassadenhafte“ an Hauptmann nannte, macht auch Pleschinski im Roman wiederholt aufmerksam - und der Roman zeichnet die Tragik dieses Lebens und besonders seines Endes auf meisterhafte Weise nach. Eine großartige Geschichte über Verblendung, Genie und die Liebe zur Literatur.

Dirk Steinfort

theologie-und-literatur.de

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