Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Buch des Monats Juli:

Juli Zeh: Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag 2017, ISBN 3630875238, 352 Seiten

 

Der neue Roman von Juli Zeh ist ein page turner. Ein spannender Thriller bis zur letzten Seite. Ich selber und einige andere erzählen, dass sie dieses Buch gern gelesen haben. Das ist schon einmal etwas. In der Fülle des Buchangebotes ist es nicht so leicht, ein Buch zu finden, das man von Anfang bis Ende gerne liest. Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman "Unterleuten" (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) sowie dem Literaturpreis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt (2017).

Der Roman spielt 2025, also in naher Zukunft, Angela Merkel ist gerade zurückgetreten und eine populistische Partei ist am Ruder. Alles nicht so unwahrscheinlich, wie man denken möchte, die Zukunftsvisionen holen einen vielleicht schneller ein, als man möchte. Britta Söldner leitet mit Erfolg eine Firma, zunächst weiß man nicht, worum es eigentlich geht. Nach und nach wird es klar, dass ihre Firma „Die Brücke“ keine Beratungsstelle ist, wie auf dem Türschild steht, sondern ein illegales Unternehmen, das Selbstmörder entweder rettet oder verkauft: und zwar an Organisationen, die einen Terroranschlag planen und dafür einen Selbstmordattentäter brauchen. Was für ein Plot, was für eine Geschichte, diese aktuelle Idee muss man erst einmal haben, darauf muss frau erst einmal kommen. Britta Söldner – der Name ist also Programm – mischt sich also ein in die Gestaltung der Gesellschaft und redet sich dabei ein, auf der richtigen Seite zu stehen. Sie verkauft nur an „gute Organisationen“,  zum Beispiel an Umweltorganisationen, die mit ihren Terroranschlägen gute Ziele verfolgen und nur wenige Opfer machen. Ein Teil von Brittas Selbst weiß aber, dass sie sich etwas vormacht – dieser Teil rebelliert seit längerem mit Magenschmerzen, Krämpfen und Unwohlgefühlen. Ein Teil von ihr spürt das leere Herz.
Kontrastiert zu Britta und ihrem ahnungslosen Mann Richard werden das Ehepaar Janina und Knut. Beide Paare haben gleichalte Töchter, die miteinander spielen. Janina  und Knut leben in den Tag hinein, scheffeln kein Geld, sind beruflich nicht erfolgreich und planen den Rückzug aus der Gesellschaft, indem sie sich auf dem Land ein altes Häuschen kaufen, das mit Brittas Kredit finanziert werden soll. In beiden Paaren stecken für die Autorin Juli Zeh Menschen unserer Zeit: erfolgreich und skrupellos beteiligt an der Gestaltung der Gesellschaft; oder: wenig erfolgreich und dabei außen vor. Im Grunde schauen beide Paare nur zu, reden zwar darüber, wie schlimm die rechte Regierung ist, aber sie tun nichts.

Juli Zehs Appell ist offensichtlich und gerade daran krankt der Roman, nicht die politische Aussage: Sie fordert indirekt die Intellektuellen dieser Gesellschaft auf, zu reflektieren, wo sie stehen, welche Konsequenzen ihr Handeln hat, und sich einzumischen. Im Roman geht die Geschichte so weiter, dass eine Konkurrenzfirma sie zur Beteiligung an einem Attentat an der populistischen Regierung nötigen will. Britta wacht auf, nutzt ihre Firma zum letzten Mal und vereitelt dieses Attentat, denn ihr wird bewusst, dass Gewalt niemals ein Mittel ist. Gewalt ist keine Lösung, auch wenn der Verzicht auf Gewalt das Risiko bedeutet, dass die populistische rechte Partei weiterhin an der Macht bleibt. Allerdings ist das Ende der zweifelhalten Firma Brittas nicht der Beginn ihrer politischen Aktivität, sondern der Anfang ihres Hausfrauendaseins. Ich muss zugeben, dass ich diese Wendung bereits aus Filmen und anderen Büchern kenne. Sie hängt mir zum Hals raus. Aus der erfolgreichen Karrierefrau Britta wird ein Hausmütterchen. Ist das ein ernstgemeinter Schluss oder unterschätze ich Juli Zeh, wenn ich ihn ernstnehme? Ist das ihre feine Ironie, weil sie in ihrem eigenen Umkreis oder in unserer Gesellschaft genau dies wahrnimmt: Frauen kennen nur zwei Wege, Karriere auf Teufel komm raus oder zurückgezogene Hausfrau?

Es kommt mir so vor, dass die moralische Absicht Juli Zehs, ihr Wunsch, uns in der aktuellen politischen Situation als Leser/innen aufzurütteln der Ausgangspunkt des Romans waren und die Idee diesem Wunsch folgen musste. Daher das konstruierte und künstliche der Geschichte, daher auch die wenig greifbaren Personen. Der Roman leidet unter dieser Reihenfolge, man liest ihn super schnell, aber man ist nicht genug bewegt. Dennoch in der aktuellen politischen Lage sind wir tatsächlich aufgefordert zum Handeln, zum Widersprechen, zum Richtigstellen, zum Ermahnen, zum Tun. Wer einen Roman schreiben kann, schreibe einen Roman, wer eine Predigt halten kann, halte eine Predigt, wer Lehrer/in ist, gestalte eine Schulstunde. Es gibt viele Möglichkeiten sich einzumischen und sich politisch zu engagieren, damit die Demokratie nicht vor die Hunde geht, fake news entlarvt werden und jeglicher Form von Hetze entschieden widersprochen wird.  

Christiane Bundschuh-Schramm

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