Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Lesetipps für den Sommer:

Meg Wollitzer: Die Ehefrau, aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Dumont 2016, 270 Seiten, ISBN 3832198164


Stewart O‘ Nan, Westlich des Sunset, Roman, aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Rowhlt 2016, 416 Seiten, ISBN: 3498050451 (inzwischen auch als rororo-TB!)



 

Nach dem Erfolg von „Die Interessanten“ ist auch ein früheres Werk von Meg Wollitzer (*1959) auf deutsch erschienen, Die Ehefrau, engl. The Wife. Meg Wolitzer, geboren 1959, veröffentlichte 1982 den ersten von bisher elf Romanen, darunter mehrere New-York-Times-Bestseller. Zwei ihrer Romane wurden verfilmt. Sie ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in New York City.
Man vermutet bereits vom Titel her, dass es um eine typische Ehefrau geht, eine, die ihrem Mann den Rücken freihält, seine Kinder großzieht und an seiner Seite steht, wenn er öffentlich wahrgenommen wird. Dass es dann jedoch hier noch viel dicker kommt, ist der Phantasie und dem Witz Meg Wollitzers zu verdanken. Der Roman rutscht trotzdem nicht ins Klischee ab und es ist auch nicht schwarz-weiß, wie er malt, denn auch die Ehefrau ist nicht von Pappe.
Die Geschichte beginnt im Flieger auf dem Weg nach Helsinki, wo der Ehemann einen renommierten Literaturpreis erhalten soll, nicht den Nobelpreis in Schweden, aber nur knapp darunter. Die Ehefrau sitzt neben ihm, erzählt in der Ich-Person und das erste, was sie den Leser/innen mitteilt, ist die Scheidung. Nicht dass diese schon vollzogen wäre, nein, ihre Entscheidung fällt in dem Augenblick, in dem das Buch beginnt.

Dann folgen ausführliche Rückblenden auf die gesamte Beziehung, begonnen beim Kennenlernen bis zum Flug nach Helsinki, wo die Geschichte fortgesetzt und schließlich beendet wird. Beziehungsgeschichten wie sie so gehen für Ehefrauen, das Kennenlernen und Kinderkriegen, das berufliche Fußfassen des Mannes, die Begleitung der Karriere durch die Frau.
Doch alles Klischee? Ist sie doch seine Studentin, er ihr Professor, verheiratet, ein Kind. Sie kann ihn gewinnen, doch wer unterwegs gewinnt und wer am Ende, das ist ja gerade die Geschichte. Meg Wollitzer erzählt sie so, dass sie sich vieler Klischees sehr bewusst bedient und diese aber ironisiert, bricht und so wendet, dass es eben kein Kitschroman, sondern ein intelligenter und überraschender Roman geworden ist. Gut geschrieben, witzig und gleichzeitig zum Nachdenken anregend, besonders für Frauen und Männer in ihren eigenen Beziehungen.


Christiane Bundschuh-Schramm

Der Amerikaner Stewart O‘ Nan (* 1961) hat seinem Landsmann und Dichtergiganten F. Scott Fitzgerald ein großartiges Denkmal in Form eines biografischen Romans gewidmet. Stewart O’Nan arbeitete zunächst als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Literaturwissenschaft, bevor er 1993 für seinen Debütroman «Engel im Schnee» den William-Faulkner-Preis erhielt und auf Anhieb bekannt wurde. Weitere gleichermaßen spannende wie berührende Romane folgten, genannt seien ‚‘Die Speed Queen‘ (1998) oder ‚Das Glück der anderen‘ (2006).
Ehe er nun 2016 dieses Buch vorlegte, das wohl zweifellos als seine Hommage an den großen F. Scott Fitzgerald bezeichnet werden kann, eine literarische Liebeserklärung, die T.C. Boyle völlig zurecht als ‚erschütternd genau beschriebene Liebesgeschichte und überhaupt einen der besten biographischen Romane seit Jahren‘ bezeichnet hat. O‘ Nan zeichnet in diesem Buch minutiös die letzten Jahre im Leben und Schreiben von Scott Fitzgerald (1896-1940) nach, der gemeinsam mit seiner Frau Zelda wie kein anderer das Lebensgefühl der Roaring Twenties prägte, der mit ‚Zärtlich ist die Nacht‘ und vor allem ‚Der große Gatsby‘ sowie zahlreichen herausragenden Erzählungen unvergessliche Klassiker der Weltliteratur beisteuerte, der jedoch durch Lebensstil, Alkohol und private Lebenskrisen immer tiefer abrutschte und sich schließlich durch Auftragsarbeiten am Filmset von Hollywood über Wasser zu halten versuchte.
Vor allem in diese letzten Lebensjahre also legt sich Stewart O‘ Nan hinein und vertieft sich so in das Leben und Schreiben von Scott Fitzgerald von 1937 bis hin zu seinem viel zu frühen Tod durch Herzinfarkt 1940. Dabei gelingt es ihm nicht nur, auf berührende Weise das Leiden und die immer neuen, jeweils vergeblichen Versuche, Stand zu gewinnen, nachzuzeichnen. Vielmehr scheint er es wie von innen heraus und so unglaublich packend und bewegend zu erzählen, so sehr, dass man zuweilen bis in den Ton hinein Fitzgerald selbst zu hören meint: „Wenn er schrieb, klappte das. Doch sobald er aufhörte, kehrten die Welt und damit auch all seine Probleme zurück, und das war der Hauptgrund, warum er arbeitete. Er war Schriftsteller - alles, was er von dieser Welt wollte, waren die Zutaten für eine andere, die mehr seinem Herzen entsprach.“ (81f).

Neben dem Schreiben sind es vor allem die schwierigen Beziehungen zu Frauen, die das Leben und Leiden Fitzgeralds ausmachen. In den letzten Lebensjahren war es eine Affäre mit der Klatschreporterin Sheilah Graham, die er in Hollywood kennen- und lieben lernt, die zahlreiche seiner Exzesse erträgt, die sich wiederholt von ihm trennt und doch bis zum Ende an seiner Seite bleibt. Und da ist anderseits die lebenslange Beziehung zu seiner Frau Zelda, einer attraktiven Südstaatlerin, mit der er buchstäblich durch die ‚wilden Zwanziger‘ tanzte, unzählige Partys feierte, mit der er eine Tochter gemeinsam hatte.
Zelda erlitt 1930 einen ersten Nervenzusammenbruch und verbrachte seitdem die letzten Jahre bis zu ihrem Tod überwiegend in psychiatrischen Kliniken. Wie Scott Fitzgerald immer wieder die Beziehung zur Tochter und zu seiner Frau aufrechtzuhalten versuchte, wie er durch Briefe und Besuche die für beide außerordentlich belastende Verbindung pflegte, auch diese Spur seines Lebens zeichnet O‘ Nan poetisch und so bewegend wie mitreißend nach. So wenn er Fitzgerald bei einem der Besuche sinnieren lässt: „Das war Zeldas Stadt, ihre Seele für einen Nordstaatler unergründlich. Stärker als an jedem anderen Ort, in dem sie gelebt hatten, waren die Straßen voller Erinnerungen, eine Vergangenheit über die andere gelegt. Eine Straßenbahnhaltestelle, ein Musikpavillon im Park, ein Feldgeschütz der Konföderierten, das einen Platz bewachte – überall, wo er hinging, stieß er auf die leeren Kulissen aus der Zeit ihrer jungen Liebe.“ (210)
O‘ Nan erzählt von den verzweifelten Bemühungen, Romane und Erzählungen zu schreiben, dabei hin und hergeworfen zu sein zwischen seinem riesigen Talent und seinem erbärmlichen Zustand. Er erzählt von Fitzgeralds immer neuen Anläufen, der bedrohlichen Armut zu entkommen, in dem er in verschiedenen Filmgesellschaften als Zweit- oder Drittschreiber von Drehbüchern zwar ganz gut bezahlt, aber eben vom Niveau her und durch den barschen Ton auch immer wieder gedemütigt und abrupt vor die Tür gesetzt wird. Literarische Spuren dieser letzten Jahre seines Lebens finden sich in seinem, Fragment gebliebenen, Roman ‚Die Liebe des letzten Tycoon‘. Besonders das Entstehen dieses Romans beschäftigt Fitzgerald in seinen letzten Monaten und Wochen, und es ist ergreifend, nun bei O‘ Nan mit zu verfolgen, wie er dabei um Sätze ringt, wie er in Selbstgesprächen Dialoge mit seiner Hauptfigur führt, der als alternder Filmmogul noch einmal eine wunderschöne Liebesgeschichte erlebt, die in einem verrotteten Umfeld großes Aufsehen erregt. Unschwer zu erkennen, dass Fitzgerald hierin in gespiegelter Form auch Umfeld sowie Erfahrungen seiner letzten Lebensjahre verarbeitete. Dass und wie O‘ Nan auch dies in seinem Roman packend erzählt, ist nicht nur eine bewegende Lektüre, sondern öffnet vielmehr den Blick auf einen Klassiker der Weltliteratur, den es unbedingt selbst immer wieder zu entdecken lohnt: „Reflexartig versetzte ihn diese Vorstellung in eine Welt, die er halbwegs kannte, in eine aus der Vergangenheit zusammengestückelte Zukunft, bevölkert von Schatten, aufgebaut aus ungeschriebenen Szenen, die leeren Räumen glichen. Später würde er sich ebenso an das Gefühl wie an den Gedanken erinnern, an den Drang zu gehen und sich zugleich in diesem Mann wiederzuentdecken, der alles und doch nichts besaß…“ (94)
Der Roman von Stewart O‘ Nan lässt einen begeistert und beeindruckt zurück, er ist Einladung und Eintrittskarte zugleich, die Werke eines wirklich Großen der Weltliteratur neu oder wieder zu entdecken!

Dirk Steinfort    

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... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.