Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Buch des Monats September

Elif Shafak, Unerhörte Stimmen, Roman, übersetzt von Michaela Grabinger, 432 Seiten, Kein & Aber Verlag, Zürich 2019, ISBN 3036957901

Der Titel ‚Unerhörte Stimmen‘ hat etwas Schillerndes, denn bei ‚unerhört‘ spielt der Doppelsinn mit, dass die Stimmen nicht und nie zu Gehör kommen, dass zugleich aber auch etwas Ungeheuerliches zur Sprache gebracht wird. Verlockend allzumal, verspricht der Roman damit doch Einblicke, Einsichten in Themen, Orte, Konstellationen, die sonst vielfach nicht beachtet, übersehen, unsichtbar sind. Im englischen Original lautet der Titel ‚10 Minutes 38 Seconds in this Strange World‘, ganz anders also, genauso verlockend – und ebenso treffend. Denn mit dieser Zeitangabe wird auf ein neurologisches Forschungsergebnis angespielt, demzufolge das Gehirn noch genau so lange weiterarbeitet, nachdem ein Mensch gestorben ist. Oder, wie es hier der Fall ist, nachdem ein Mensch ermordet worden ist. Und mit ‚strange world‘ ist zugleich der Kontext skizziert, von dem Elif Shafak erzählt: eine fremde Welt, eine Welt am Rand, sie erzählt in ihren Romanen wieder und wieder von den Rändern, denen der Gesellschaft, der Religionen und Weltanschauungen, den Rändern der eigenen Existenz, Rändern der Geschichte und Geschichten. Shafak ist eine Grenzgängerin und zugleich hinreißend begabte Dichterin, ich erinnere hier nur an die ‚Vierzig Geheimnisse der Liebe‘ (2013) auf der Grenze von Mystik und Religion, die Romane ‚Ehre‘ (2014) als Grenzgängerin eines Fememordes zwischen Islamismus und Moderne oder auch ‚Der Geruch des Paradieses‘ (2016) auf der Grenze zwischen Philosophie und Religion, zwischen Glaubens- und Zweifelswelt. Und alles auch jedes Mal wunderbare Liebesgeschichten, in die man lesend versinken und nur schwerlich wieder auftauchen möchte, so wie hier auch wieder: „Er wollte andere Dinge über sie erfahren – wie das Frühstück in ihrer Kindheit geschmeckt hatte, welche Gerüche aus längst vergangenen Wintern ihr am stärksten in Erinnerung geblieben waren, welchen Geruch sie Istanbul zuordnen würde und welches Gericht für sie nach Freiheit schmeckte oder nach Vaterland… Mit der Zeit wurde es ein Spiel für zwei, eine gemeinsame Währung: Sie nahmen bestimmte Erinnerungen und verwandelten sie in Geschmack und Geruch.“ (203)

Jenseits der mitlaufenden Fragen und Themen sind es immer unvergessliche Figuren und Geschichten, mit denen uns diese türkischstämmige Autorin beschenkt, die nun in London lebt und vom autoritären Regime in der Türkei unerwünscht ist, da sie mit ihren Artikeln und Auftritten zum viel beachteten Sprachrohr für Gleichberechtigung und freiheitliche Werte wurde. Zum Glück für uns aber eine durch ihre Romane keineswegs unerhörte Stimme, ganz im Gegenteil!
Und was für eine faszinierende Idee liegt nun auch wieder diesem neuen Roman zugrunde, und in dem Punkt laufen das englische Original und die deutsche Übersetzung, die von Michaela Grabinger nuancenreich und feinsinnig ausgeführt wurde, zusammen: Es ist eine gewagte, stimmige und durchweg so überzeugende wie mitreißend fesselnde Konstruktion, die Elif Shafak zur Grundlage dieses neuen Romans macht. Mit dem sie eine unerhörte Geschichte erzählt, einer unerhörten Frau die Möglichkeit gibt, ihr Leben mit der eigenen Stimme zu erzählen.

Die Istanbuler Prostituierte Leila ist ermordet worden, und in den letzten Momenten ihres Lebens, oder sind es eben jene 10 ½ Minuten nach ihrem Tod, laufen Momente, Wendepunkte ihres Lebens vor ihrem geistigen Auge ab: die Kapitel des ersten Teils sind entlang der letzten Minuten überschrieben und sie erinnert sich, Minute zu Minute, schließlich sekundenlang ablaufend an ihre Kindheit, an die religiös strenge Erziehung, an ihren Drang, auszubrechen und der patriarchalischen Welt zu entkommen – um in einer Welt von Vorhängeschlössern, Drogen und Missbrauch zu landen. Eine Welt des Schmutzes, der Missachtung, in der sie als Frau genauso wenig als Subjekt wahrgenommen wird – bis ein linker Student nach einer Demo im Bordell landet, sich in Leila verliebt und sie heiratet: „Für den, der sich verliebt hatte, war die Welt nicht mehr die gleiche. Er befand sich nun genau in ihrer Mitte, und sie drehte sich fortan schneller.“

Das zuckersüße Ende eines Romans, mitnichten, denn erinnern wir uns, wir lesen ja die Erinnerungen einer soeben Ermordeten. Und so simpel macht es Elif Shafak uns lesend natürlich auch nicht. Denn so einfach ist die Welt, so märchenhaft heil ist die Gesellschaft nicht. Leila gelingt es nicht, dem Milieu zu entkommen, sie wird ermordet und als Mensch von den Rändern ohne Angehörige auf einen ‚Friedhof der Geächteten‘ geschafft. Um da namenlos verscharrt zu werden.

Aber hier setzt der zweite Teil des Romans ein, dem nochmals eine tröstliche, weil utopisch hoffnungsvolle Idee zugrunde liegt. Denn immer wieder war in Kapiteln von einzelnen Freunden und Freundinnen die Rede, Menschen, die mit ihr ein Netzwerk wechselseitiger Achtung, Fürsorge und Halts bilden. Und die nun im zweiten Teil des Romans, Leilas Bewusstsein ist inzwischen ins Dunkel versunken, für sie Verantwortung und die Handlung übernehmen. Die dafür sorgen, dass Leila zumindest nach ihrem Tod Respekt, Würde und angemessene Achtung als Mensch erfährt. Im Grunde die eindrucksvolle und die kalten Regeln der herrschenden Gesellschaft subversiv unterlaufende Kreativität, der wirkungsvolle Widerstand eines Netzwerks an Beziehungen: „Leila hatte es den anderen nie gesagt, doch sie waren für sie ein Sicherheitsnetz. Wenn sie stolperte und fiel, standen sie bereit und fingen sie auf oder milderten die Wucht des Aufpralls.“ (258) Was für eine tröstliche Aussicht, es bewährt sich!

 

Dirk Steinfort

theologie-und-literatur.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.