Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Buch des Monats Juni:

Joyce, Eddie, Bobby, Deutsche Verlags-Anstalt 2016, 416 Seiten, ISBN: 978-3-421-04651-2



 

Eddie Joyce arbeitete nach einem Studium in Harvard und am Georgetown University Law Center zehn Jahre lang als Jurist in Manhattan, meist als Strafverteidiger, bevor er mit dem Schreiben begann und mit „Bobby“ nun seinen ersten Roman vorlegt. Die hier wichtigste Info aus seiner Biografie aber lautet: Joyce wurde auf Staten Island geboren und wuchs dort auch auf. Denn mit seinem berührend-bedrückenden Debütroman setzt er nicht zuletzt auch dem als Insel vor New York liegenden Stadtteil und seinen Bewohnern ein poetisches Denkmal.
Joyce schreibt einen Roman rund um die Familie Amendola, deren Dreh- und Angelpunkt Gail ist, Tochter irischer Einwanderer, die eigentlich nie nach Staten Island wollte, und nun doch fest verwurzelt da lebt. Gail ist das eine Kraftzentrum des Romans, von der aus sich die Fäden der Handlung spinnen, ihr Mann und ihre Ehe, ihre Kinder und Enkel, aber auch ihre Eltern. Dabei springt Joyce virtuos zwischen Zeiten und Generationen, da wechselt in einem Kapitel, von Abschnitt zu Abschnitt, ja zuweilen mitten im Satz die Perspektive, Rolle oder Lebenszeit. Drei Söhne haben Gail und ihr Mann Michael: Peter, der als erfolgreicher Anwalt in einer renommierten Kanzlei den Sprung in die große Welt geschafft hat – dem aber gerade aufgrund eines Skandals um eine Affäre die eigene Familie zerbricht und der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Franky, der zeitlebens das Sorgenkind war, immer an Rand von Spielen, Alkohol und Kriminalität. Und Bobby, der als Feuerwehrmann den Weg seines Vaters fortsetzt, glücklich verheiratet mit Tina zwei Kinder hat – und der am 11. September 2001 beim Einsatz im World Trade Center ums Leben gekommen ist. Und der doch der zweite Mittelpunkt des Romans ist: Nicht nur, weil auch er in Rückblenden und Zeitsprüngen immer wieder präsent ist, sondern vor allem auch, weil Gail bis in die Gegenwart beständig den Kontakt und das Gespräch mit ihm sucht, all morgendlich in sein (unverändert gebliebenes) Zimmer geht, ihm von ihren Sorgen und den Entwicklungen in der Familie erzählt. Das klingt dann so: „Sie muss es Bobby erzählen, versteht sich, aber den anderen auch. Michael, Peter, Franky. Das werden keine leichten Gespräche werden. (...) Sie wird mit Peter anfangen, dem Vernünftigsten. Vielleicht kann er ihr raten, wie sie es den anderen am besten beibringt.“ (112) So gelingt Joyce en passant eine Antwort auf die Frage, wie (unterschiedlich) Menschen mit dem unermesslichen Verlust eines geliebten Menschen umgehen, der, wie es so heißt, mitten aus dem Leben gerissen wurde. Er bleibt, bei allem Verlust, präsent, bestimmt nach wie vor die Gedanken, die Gefühle, die Erinnerungen sowieso: „Jemand sagte einmal zu ihr, der größte Schmerz im Leben sei es, ein Kind begraben zu müssen. Sie nickte zustimmend, ahnungslos. Dann halt es mal aus, ein Kind nicht begraben zu können. Halt es aus, den Tod deines Kindes mit der ganzen Welt teilen müssen…“ (393)

 

 

Immer wieder, aus verschiedenen Anlässen und Assoziationen, bei unterschiedlichen Gelegenheiten besonders stark, taucht Bobby im Gedächtnis der Menschen auf, spielt eine präsente Rolle, beeinflusst Entscheidungen. So besonders, als Tina zum ersten Mal nach seinem Tod einen Mann kennengelernt hat, mit dem es etwas Ernstes werden könnte. Sie will diesen neuen Mann nun ausgerechnet zur Geburtstagsparty ihres Jüngsten bei den Amendolas mitbringen. Und sie löst damit bei den verschiedenen Mitgliedern der Familie - allen voran bei Gail - natürlich widersprüchlich-komplexe Gefühle aus. Wie in einem Brennglas zeigt sich verdichtet, dass solcher Abschied selbst Jahre danach immer noch Schatten und Fragen aufwirft. Auch bei Tina selbst, etwa, als ihr neuer Freund ihr erzählt, dass er Bobby vor Jahren auch kennengelernt hatte, und dem es gleich leid tut, dass ihm das so rausgerutscht war: „Was tut dir leid, denkt sie: dass du meinen toten Mann vor seinem Tod kennengelernt hast? Oder dass du ihn überhaupt kennengelernt hast? Dass du es mir erzählt hast? Dass du es mir nicht eher erzählt hast? Oder ganz allgemein? Wahrscheinlich Letzteres. Es ist in jedem Fall nicht einfach, darüber zu reden.“ (51)
Mit "Small Mercies", so der Originaltitel, sind die kleinen Freuden des Alltags gemeint. Von denen erzählt Eddie Joyce in einfühlsamer Weise. Es geht um kleine Momente mit großen Konsequenten, verpasste Chancen, Wendepunkte im Leben, die zunächst vielleicht sogar unbemerkt blieben und sich erst im Nachhinein als bedeutsam erwiesen, auch um Entscheidungen, die sich zunächst naheliegend erscheinen, aber dann doch fatal falsch sind. Um Probleme, wie sie jeder von uns kennt. Spuren, die wir hinterlassen und die bleiben, Verletzungen, Wunden, Erinnerungen. Auch davon, wie jenseits eines solch radikalen Einschnitts alles andere relativiert wird: „Sinnlos, sich zu entschuldigen, unnötig, zu verzeihen. Der Tag war nicht fern, an dem dann jede Absolution wohlfeil, unvollständig, bedrückend, nutzlos war. Im Schatten des Grauens gab es nichts Unverzeihliches mehr.“ (342) Dass es Eddie Joyce gelingt, all das ohne Pathos zu erzählen, ist eine große Leistung. Er schreibt immer wieder anrührend und oft doch auch lakonisch, einfühlsam und mit Bildern, die einem ein- und lange nachgehen: „…so plötzlich, wie ein Zweig bricht, wenn er weit genug gebogen wurde.“ (26) Oder, um nochmals einen der inneren Dialoge von Gail mit ihrem Sohn zu zitieren: „Ja, sie redet ständig mit Bobby. Sie redet mit dem Säugling, der unter den aufgehängten Würsten im Dachgeschoss seines Großvaters schlief. Sie redet mit dem verliebten Jugendlichen, der auf und nieder wippend seine Wadenheber machte. Sie redet mit dem untröstlichen Jungen, den sie einst hier fand. Sie redet mit ihnen allen. Und mit vielen anderen. Aber ihnen allen kann sie das jetzt nicht erzählen. Sie kann ihnen nicht erzählen, dass das Leben grausamer ist, als sie dachte, dass seine Grausamkeit wie der Sternenhimmel ist: unendlich, abgrundtief.“ (387f)
Dirk Steinfort



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