Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Drei Buchtipps für Dezember

Eveline Hasler, Die Wachsflügelfrau, dtv Taschenbuch, 272 Seiten, ISBN 3423120878

Eveline Hasler schreibt gern über vergessene Frauen, Frauen, die zu Unrecht vergessen sind. In ihrem Buch ‚Stein bedeutet Liebe‘ erinnert sie an die Schriftstellerin Regina Ullmann, in diesem Buch erinnert sie an die habilitierte Juristin Emily Kempin-Spyri. Die Nichte der Heidi-Autorin Johanna Spyri war die erste Juristin im deutschsprachigen Raum, die bis zu ihrem Lebensende den erträumten Beruf der Anwältin weder in der Schweiz noch in Deutschland ausüben durfte. Sie erkämpfte sich das Studienrecht, das Promotionsrecht, das Habilitationsrecht, sie durfte Vorträge halten und war durchaus als Rednerin geschätzt, aber Geld durfte sie mit ihrer Begabung und Kompetenz keines verdienen.

Die Lebensgeschichte von Emily Kempin-Spyri ist Frauengeschichte und deutschsprachige Geschichte von großer Bedeutung und Tragik. Ich möchte sie in jedes Schulbuch der Geschichte schreiben und werde das Büchlein zu Weihnachten 2019 all meinen Freundinnen schenken.

Eveline Hasler findet die angemessene Sprache, um dieses Frauenschicksal zu beschreiben und Kempin-Spyri ein verdientes Denkmal zu setzen. In aller Stille, denn es ist kein Heldendenkmal, sondern die Erinnerung an eine Frau, deren Kompetenz missachtet und ausgebeutet wurde, die trotzdem voller Energie so viel zustande bringt und doch früh an Krebs sterben muss. Das Buch spielt in der Schweiz, in Amerika, wo sie eine Hochschule aufbaut und in Berlin, wo sie Lehrtätigkeiten nachgeht – überall, und das ist das einzig Tröstliche und gleichzeitig berührend Wichtige für uns Frauen, entstehen um sie Frauennetzwerke. Es sind Frauen, die ihr den Rücken stärken, Türen öffnen und mit ihr in einem Fachdialog stehen.

Frauennetzwerke waren damals überlebenswichtig, sie sind es heute auch, wenn Frauen etwas erreichen wollen. Deshalb wünsche ich allen Frauen zu Weihnachten diese Lektüre. Es ist ein Buch, und ich verspreche nicht zu viel, das die Leserin, den Leser verändert.

Christiane Bundschuh-Schramm

Bernardo Kucinski, K. oder Die verschwundene Tochter, Transit Buchverlag, 144 Seiten, ISBN 978-3-88747-288-7

São Paulo 1974. In Brasilien herrscht eine Militärdiktatur. K.s Tochter Ana ist verschwunden. Sie meldet sich nicht mehr wie gewohnt und nimmt ihre Tätigkeit an der Universität nicht mehr wahr. Es gibt keine konkreten Hinweise auf das, was passiert ist.

Bernardo Kucinski beschreibt in seinem Roman die Suche seines Vaters nach seiner Tochter, also seiner eigenen Schwester. Kucinski stammt aus einer jüdisch-polnischen Familie. Sein Vater, Majer Kucinski, engagierte sich in jungen Jahren politisch und verbrachte im Polen der 1930er Jahre wegen subversiver Aktivitäten zwei Jahre im Gefängnis. Unter der Bedingung, das Land zu verlassen, wurde er freigelassen und ging 1933 nach São Paulo ins Exil. Hier wurde Bernardo Kucinski 1937 geboren. Bernado Kucinski wurde Journalist und war bis 2012 Professor für Internationalen Journalismus an der Universität von São Paulo und Autor. Während der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) ging Kucinski ins Exil nach London. Im Jahr 1974 kehrte er nach Brasilien zurück, nachdem seine Schwester Ana Rosa Kucinski 1974 von den Sicherheitsorganen verschleppt wurde und fortan als vermisst gilt. K. oder Die verschwundene Tochter ist ein familienbiographischer Roman, der deutsche (europäische) Geschichte und Brasiliens Geschichte verbindet. „Plötzlich fielen ihm einige Gerüchte vom Tag zuvor im Stadtviertel Bom Retiro ein; zwei Medizinstudenten seien verschwunden, einer stamme aus einer reichen Familie, erzählte man. Das habe mit Politik zu tun, hieß es, mit der Diktatur, wäre kein Fall von Antisemitismus. Es seien auch andere, Nichtjuden, verschwunden, deshalb habe die Gemeinde beschlossen, sich nicht einzumischen.“ (10)

Bernardos Vater schrieb Gegebenheiten und Gedanken facettenartig auf kleine Kärtchen. Es scheint, dass Bernado Kucinski diese Aufschriebe als Gerüst für seinen Roman nutzte: „Als der Moment der Bekanntmachung näher rückt, ist es, als ob die Sonne plötzlich am Himmel stehen bleibe; die Luft regt sich nicht mehr; die Welt scheint den Atem anzuhalten. Ein Tabu wird gebrochen. Die Regierung wird Auskunft geben übere die Verschwundenen; deshalb erblüht die Hoffnung in neuem Glanz. (…) An Stelle von 22 Aufklärungen 27 Lügen.“ (51)

Bernardo Kucinski zeigt nicht nur die strukturelle Gewalt des institutionellen Totalitarismus auf, sondern beschreibt auch, wie tief die zerstörerische Kraft bei den Angehörigen und in den Familien wirkt, wie belastend Alltagssituationen werden können: „Als er seine Tochter auf den Bildern in Situationen und Umgebungen sah, die er sich nie hatte vorstellen können, merkte er ein weiteres Mal, wieviel von ihrem Leben er nicht gewusst hatte und noch immer nicht wusste.“ (89)

Bernardo Kucinski gilt heute in Brasilien nicht nur als kritischer Journalist und Medienspezialist. Vielmehr ist er eine wichtige Stimme der Angehörigen der „Desaparecidos“, Menschen, die in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur gefangen genommen oder verschleppt wurden und seitdem als vermisst gelten.

K. oder Die verschwundene Tochter ist ein facettenreiches, kaleidoskopartiges Werk, das sich Bild für Bild zu einem Ganzen entwickelt und einen, wie den Suchenden selbst, im Spannungsfeld zwischen Hoffnung, Zweifel und Enttäuschung zurücklässt. Es ist ein äußerst intensiver, emotionaler Roman, denn, wie dem Buch vorangestellt wurde: Alles in diesem Buch ist erfunden, doch fast alles ist geschehen.

Holger Meischner

Mathias Énard, Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Berlin Verlag Taschenbuch 2013, 176 Seiten, ISBN 9783833308710

Mathias Énard, der besonders durch seine großen und so dichten wie schwierigen Romane ‚Zone‘ (2010) und ‚Kompass‘ (2016, siehe Besprechung März 2017) als exzellenter Kenner des Islam und vor allem als sprachmächtiger Schriftsteller zwischen Okzident und Orient bekannt geworden ist, legt mit, ‚Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten‘ eine kleine, leichte Fingerübung vor. Die ist in ihrer Verspieltheit gelungen, zugleich aber auch mit einer Gelehrtheit gesättigt, dass sowohl kulturell als auch historisch Interessierte den Roman mit großem Gewinn lesen werden. Und nicht zuletzt auch die Leserinnen und Leser, die sich gut unterhalten, packend erzählen lassen wollen – und zudem auch noch vieles über die Kunst und Kultur der Renaissance lernen.

Worum geht es? Papst Julius II. (1443-1513) ruft 1506 Michelangelo nach Rom: Er beauftragt ihn mit der Errichtung seiner Grabstätte. Michelangelo (1475–1564), italienischer Bildhauer, Maler, Baumeister, Dichter macht sich an die letztlich über viele Jahrzehnte dauernde Arbeit – allerdings verliert der Papst sein Interesse am Projekt und bleibt zum Ärger Michelangelos hinter den vereinbarten Zahlungen zurück. Vor diesem Hintergrund erhält Michelangelo von einem anderen Herrscher jener Zeit, dem Sultan Bayezid II., eine Einladung nach Konstantinopel. Mathias Énard hat während eines Gastaufenthalts in Rom eine kurze Notiz bei Giorgio Vasari gelesen, die er zum Ausgangspunkt dieses herrlich bunten und vielschichtigen Romans nimmt. Denn während der historische Michelangelo diese Einladung nie annimmt, erfindet Énard so originell wie glaubwürdig eine ganz andere Version der Geschichte.

Die Wahrheit siedelt sich für den Zeitraum einer Lektüre im Zwischenreich der Phantasie an. Zuerst und zuletzt geht es in diesem Buch um die Macht der Phantasie, um die Überzeugungskraft der Dichtung und um das Entstehen von Kunst selbst. Und diese hohe Kunst führt Énard auf das Köstlichste vor, glaubwürdig lockt er uns lesend auf tausendundeine Fährte, die er zugleich als völlig erfunden unterläuft. Doch immer dann, wenn man sich schmunzelnd zurücklehnt und sich über die gute Erfindung freut, streut Énard, hier an Umberto Eco, erinnernd, wieder einen historischen Beleg ein, einen Brief, eine Tagebuchnotiz bis hin zur Skizze für eine Brücke, die zumindest in diesen Roman also Eingang findet. Und apropos: Es gehört mit zu den schönsten und bezwingendsten Passagen des Romans, wenn Michelangelo in Konstantinopel von Menschen, Situationen, Farben und Formen so beeindruckt wird, dass diese in seinen Werken auftauchen und deutlich sichtbare Spuren hinterlassen. Auch dazu weckt der Roman große Lust, sich aufzumachen und diese Niederschläge eines östlich-westlichen Kulturaustausches zu finden. Auch wenn die ersehnte Brücke selbst nie gebaut wurde. So schreibt Énard einen Roman über einen weiteren ausgebliebenen Brückenschlag zwischen Islam und westlicher Welt – und bei aller märchenhaften Ausgestaltung trifft er damit natürlich wiederum mitten ins Zentrum unserer Zeit: „Von Istanbul bleibt ihm ein diffuses Licht in Erinnerung, eine feine Süße mit einem Hauch Bitterkeit, eine ferne Musik, sanfte Formen, Freuden, an denen der Zahn der Zeit genagt hat, der Schmerz über die Gewalt und über den Verlust: die Preisgabe von Händen, die zu ergreifen das Leben verwehrt hat, von Gesichtern, die man nicht mehr streicheln wird, von Brücken, die man noch nicht gebaut hat.“

Dirk Steinfort

 

 

 

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