Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Buch des Monats Januar

Shokjang, Für Freiheit bereue ich nichts, Lungta Verlag, 116 Seiten, ISBN 978-3-00-058871-6

Die Tibet-Initiative Deutschland hat zur Leipziger Buchmesse im März 2018 ein besonderes, ein wichtiges Buch herausgegeben: "Für Freiheit bereue ich nichts", Texte des tibetischen Schriftstellers Shokjang.

Viele, die an Tibet denken, haben schöne Bilder vor Augen: faszinierende Landschaften, Berge, Klöster und Nomaden. Diese romantischen Bilder sind nur ein Teil Tibets und stimmen zum großen Teil heute nicht mehr.

Shokjang wurde 1986 in Gengya, Ost-Tibet, als Sohn einer einfachen Nomadenfamilie geboren. "Diese Blechhütte glich den Hochhäusern der Stadt. Obwohl sie Tür und Fenster hatte, konnte man durch die mit Gardinen verhangenen Fenster die Finsternis draußen nicht sehen. Auch konnte man die feinen Lichtstrahlen nicht sehen, die durch die Risse in der Finsternis hervorbrachen. Da vermisste ich mein Nomadenzelt von früher; ich erinnerte mich an die kristallenen Sterne, die ich durch den groben Zeltstoff sah. Ich erinnerte mich an das Gefühl, wie die Sterne klar und rein funkelten - wie Wassertropfen, die aus jemandes Tragetuch spritzen - und durch die rauen Zeltbahnen in meine Augen zu fallen schienen." (43)

Als Student der Tibetologie in Loanzhou schreibt Shokjang Gedichte und Essays in unabhängigen Magazinen und Zeitschriften. 2008 gerät er im Zusammenhang mit dem tibetischen Aufstand vor den Olympischen Spielen in Peking ins Visier der chinesischen Regierung. 2010 wird Shokjang erstmals verhaftet und nach seiner Entlassung wird ihm die Fortsetzung des Studiums verwehrt. 2015 wird er von der chinesischen Polizei wegen seiner Publikationen inhaftiert und zu drei Jahren Haft und dem Entzug seiner politischen Rechte für weitere zwei Jahre verurteilt.

Shokjang schreibt über Tibet, sein Land, das in den 1950ziger Jahren von China besetzt wurde und seitdem ein politisches Trauma durchlebt. Er bezieht kritisch Position zu politischen, gesellschaftlichen und literarischen Fragestellungen. In seinen Texten macht sich Shokjang auf die Suche nach Selbstbestimmung und Freiheit. Shokjang ist eine authentische Stimme Tibets.

"Unzählige bewaffnete Soldaten umstellten die Stadt Rebkong und durchsuchten die Bewohner. Geschah das wirklich zum Schutz der Bevölkerung? Oder weil man glaubte, dass die tibetische Volksseele kochte? Wie schrecklich ist es doch, wenn gesellschaftliche Stabilität solche Polizeieinsätze bedeutet! ..."(77)

Shokjang (im Bild links)

Die Zensur von Büchern ist in Tibet schärfer als in China. Die Vorbereitung dieses Buches war für die Tibet Initiative Deutschland äußerst schwierig. Es mussten Wege gefunden werden, Bücher und Online-Texte von Shokjang aus Tibet zu bekommen. Vieles wird im Internet blockiert und in politisch sensiblen Zeiten werden Internet und Telefonnetze mancher Regionen sogar ganz gesperrt. Das Fehlen von aktuellen Informationen aus Tibet zeigt das Ausmaß staatlicher Kontrolle und die Abriegelung von der Außenwelt. Mit der Veröffentlichung von Shokjangs Texten wollte die Tibet Initiative Deutschland ein Zeichen setzen, denn es darf nicht hingenommen werden, dass die chinesische Zensur tibetische Stimmen unterdrückt. Es ist wichtig, dass Shokjangs Werke Menschen in Freiheit erreichen können.

Doch auch für Europa und Deutschland selbst sind Shokjangs Texte wichtig. Sie orientieren sich an einer freiheitlich demokratischen Regierungsform und stellen die freiheitlichen Eigenschaften einer solchen den Erfahrungen eines totalitären Regimes gegenüber. In Deutschland leben wir in einer fast siebzigjährigen Demokratie und sind im Begriff, einige dieser Errungenschaften freiwillig aufzugeben. So wurde im Laufe der Jahrzehnte das Asylrecht bis zur Unkenntlichkeit verändert. Wir bauen den Überwachungsstaat immer weiter aus und engen damit das freiheitliche Wesen der Demokratie weiter ein. Gesellschaftliche und politische Strömungen, die sich abgrenzen und die vor allem Menschen ausgrenzen, werden immer salonfähiger. In der Zeit, in der Begriffe wie "Fake-News" und "Lügenpresse" alltäglich geworden sind, ist Meinungsfreiheit zu einem kritischen Gut geworden. Wie fragil die Meinungsfreiheit in Europa ist, können wir sehr gut in dem Roman Joseph Anton von Salman Rushdie (vgl. eine Besprechung hier im Juli 2013) nachlesen. Dieser autobiographische Roman beschreibt die Zeit, in der Rushdie durch eine iranische Fatwa vom Tod bedroht war und über ein Jahrzehnt in Europa unter besonderem Schutz im Untergrund leben musste.

Die Demokratie ist eine empfindliche Regierungsform, die sich selbst abschaffen kann. Shokjang setzt sich für das Entstehen einer freiheitlichen, demokratischen Ordnung ein. Um wiederzuentdecken, wie wichtig unser demokratisches Handeln ist und dass wir dieser Demokratie gegenüber eine Verantwortung haben, sollten wir Shokjang sehr aufmerksam lesen: „Deshalb betrifft der Kampf für Meinungsfreiheit nicht nur die Regierung, sondern auch uns als Gesellschaft. Wir müssen, vorausgesetzt die Regierung garantiert die Meinungsfreiheit eines jeden Einzelnen, diese Meinungsfreiheit auch nutzen und uns daran gewöhnen, unsere Ansichten zu artikulieren.“ (72)

Im April 2018 wurde Shokjang aus der dreijährigen Haft entlassen. Was seine "Freiheit" allerdings wert ist, lässt sich daran erkennen, dass bis auf das Foto, das ihn unmittelbar nach seiner Entlassung zeigt, keine weitere Nachricht von und über Shokjang aus Tibet herauskam. Bis heute gibt es keinen Kontakt. "Das Schicksal kann mir nichts vormachen. Das Schreiben ist das Karma, das mir die Götter oder wer weiß ich auferlegt haben, und wenn es um mein geliebtes Leben ginge, ich würde es nicht aufgeben!"
Dieses Buch ist kein gewöhnliches Buch, es ist ein beeindruckendes Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie und ein Weckruf an die Welt.

Holger Meischner

theologie-und-literatur.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.