Theologie und Sendung

Buch des Monats

Diese Rubrik wird betreut von Prof. Dr. Thomas Meurer, PH Karlsruhe. Für Ideen, Kommentare, mögliche Beiträge nehmen Sie bitte Kontakt auf.

 

Buchtipp des Monats Juli:

Ulrike Draesner: Vorliebe. München 2010. ISBN 978-3-630-87294-0
 

Sollte man einen Roman auf einer Internetpräsenz für den Zusammenhang von Theologie und Literatur nur deshalb empfehlen, weil in ihm ein protestantischer Pfarrer und eine Pfarrersfrau vorkommen? Natürlich nicht! Das wäre nicht nur zu einfach, sondern ginge auch am Interesse dieses Forschungsfeldes völlig vorbei.   

Es gibt viele gute Gründe, auf das neue Buch von Ulrike Draesner hinzuweisen. Da ist zum einen die überlegte, vielfach schillernde Sprache, für die Ulrike Draesner bekannt ist. Ein Wort hat bei ihr zumeist mehr als nur einen Sinn. Sie spielt mit dem Doppel- und Mehrfachsinn der Begriffe, setzt ihn ein und schafft damit einen hochphilosophischen und anspielungsreichen Text. In der Konstruktion des Romans wird ein „alter Bekannter“ sichtbar: Goethes „Wahlverwandtschaften“. Hier verlieben und verhalten sich zueinander: die Mathematikerin Harriet in den evangelischen Pfarrer Peter und Harriets Freund Ash in die Pfarrersfrau Maria. Wie bei Goethe so bleibt auch hier am Ende dieses romantischen Reigens einer buchstäblich auf der Strecke.

Wie Goethes „Wahlverwandtschaften“ ist auch Ulrike Draesners Roman die Schilderung eines Experiments: zwei sehr unterschiedliche Welten reagieren aufeinander: Naturwissenschaft und Glaube, evangelischer Kirchenalltag und säkulares Weltgefühl. Harriet, die Peter eines Tages über Jona predigen hört und damit wohl zum ersten Mal mit der Geschichte dieses Propheten vertraut gemacht wird, beginnt, Freude an dieser Geschichte und an der Unterhaltsamkeit der Bibel zu finden. „Harriet […] begriff […], dass der Prophet in einen Kokon gesteckt wurde. Er sollte also verwandelt sein. Da musste er freilich wieder ausgespien werden. Unlogisch hingegen, was dann passierte: das frisch veränderte, noch nach Fischtran stinkende Menschlein widersetzte sich Gott von Neuem.“

Die 1962 in München geborene Ulrike Draesner ist durch ihr Buch „Mitgift“ und „Spiele“ zu einer vom Feuilleton gelobten Autorin geworden; im Buchhandel ist sie leider immer noch eher ein Geheimtipp selber lesender und belesener Buchhändler. Vielleicht ändert sich durch diesen Liebes- und Bildungsroman „Vorliebe“ ein wenig – was Ulrike Draesner wirklich verdient hätte. Es gibt nur wenige Bücher, die sprachlich derart brillant, derart anspielungsreich und klug und dabei doch empfindsam und berührend sind. Die Frauenzeitschrift „Brigitte“, der ich ansonsten in Literaturdingen weniger vertraue, hat Ulrike Draesner als „eine der besten deutschsprachigen Schriftstellerinnen“ bezeichnet. Darin irrt die weitverbreitete Zeitschrift sicher nicht.

 

Thomas Meurer

 

theologie-und-literatur.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.

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