Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Buch des Monats November

Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster, Kiwi Verlag 2018, ISBN 978-3-462-04870-4, 286 Seiten

Die bekannte Autorin Susann Pásztor ('Ein fabelhafter Lügner') hat einen außerordentlichen Roman geschrieben: „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“. Darin schafft sie es, von Schmerz und Älterwerden, Lebensende und Sterben, Verdrängung und Hospiz zugleich ernst und komisch, ja immer wieder heiter zu erzählen.

Pásztor, Jahrgang 1957, stammt aus Soltau, studierte Kunst und Pädagogik und lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Ihr Roman wurde mit dem Evangelischen Buchpreis 2018 ausgezeichnet. Und das mehr als berechtigt, denn ihr gelingt mit dem Roman "ein wahres Kunststück", so urteilte die Jury: Das Buch sei "ein wunderbarer Roman, der den Tod ernst und das Leben mit all seinen Wirrungen doch leicht nimmt". Die Autorin beschreibe die Figuren "mit großem Respekt, mit feinsinnigem Humor in der Schilderung ihrer Motive und einem liebevollen Blick auf das Bemühen, das Leben zu gestalten".

Susann Pásztor schreibt einen Roman über das Lebensende eines Menschen zu schreiben und das auch noch mit Humor, das hätte gründlich schiefgehen können. Pásztor jedoch ist dieser Drahtseilakt gelungen, denn sie hat eine bewegende Geschichte geschrieben über die Kraft und die Reife, die aus menschlicher Fürsorge erwächst: Der Roman liest sich zugleich witzig, ironisch, doch nie zynisch, ergreifend und dabei stets wahrhaftig. Und nicht zuletzt ist der Roman einfach auch sprachlich sehr gelungen!

Drei Personen sind es, die vor allem im Mittelpunkt der Handlung stehen: Da ist einmal Fred, ein alleinerziehender Vater, der sich zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter hat ausbilden lassen. Sein Sohn Phil, ein pubertierender Jugendlicher mit außergewöhnlicher Sensibilität und der Neigung, Gedichte zu schreiben. Und schließlich Karla, die sich schwerstkrank von Leben und Menschen zurückzieht, die spröde und eigensinnig immer weniger Kompromisse eingehen will, wie sie ihre letzten Lebensmonate verbringen wird. Um diese drei Hauptfiguren kreist der Roman, dazu flankierende, aber jeweils äußerst konturenscharf gezeichnete Personen wie den Hausmeister Klaffki mit seinem Hund Kottke, eine Hospizgruppe, die in Stuhlkreisen gemachte Erfahrungen bespricht und reflektiert (und in der eine immer alles besser wissende Theologin nie einfach mal die Klappe halten kann...) sowie der Inhaber eines Bestattungsinstitutes, der in einer an Loriot erinnernden Szene die ganze Palette seiner reichen Bestattungsmöglichkeiten offeriert... All das trägt dazu bei, dass Pásztors Roman nicht nur hervorragend geschrieben, sondern immer wieder auch zum befreiten Auflachen komisch erzählt ist.

Das fängt schon bei der ersten Begegnung zwischen Fred und Karla an, als der sich entschuldigend windet, dass sie seine Hilflosigkeit entschuldigen möge, weil das seine erste Begegnung mit dem Sterben sei - und sie gelassen erwidert: "Was für ein Zufall. Bei mir ist es auch das erste Mal." Unvergesslich wird da sicherlich auch die so ausgiebig wie genau ausgemalte Szene im Bestattungsinstitut bleiben, in das Fred gemeinsam mit Karla hingeht, weil er ihren Wunsch unterstützt, so weit wie möglich die Kontrolle über ihre letzten Dinge zu behalten und wird zugleich vom Wunsch getragen, "keine Spuren zu hinterlassen". Der Bestattungsunternehmer müht sich redlich und bietet dabei eine schier unendliche Auswahl: "Es gibt die sogenannte Promession, bei der ein Körper gefriergetrocknet und anschließend kompostiert wird, und die Resomation, eine alkalische Hydrolyse, die zur Zersetzung führt, aber beide Verfahren gehören nicht zum Leistungsspektrum unseres Instituts... bei unseren Vertragspartnern im Ausland geht es jedoch wesentlich entspannter zu: Flussbestattung, Felsbestattung, Almwiesenbestattung. Ihre Asche in alle vier Winde. Und falls sie ein ökologisch engagierter Mensch sind: Für das sogenannte Memorial Reef in Australien werden künstliche Korallenriffs aus menschlicher Asche angelegt, die dann als Lebensraum für Fische dienen."

Die Geschichte wird aus den drei Perspektiven von Karla, Fred und Phil erzählt, die auch jeweils ihre ganz eigene Tonart ins Buch hineintragen: Hier die skrupulös grübelnde Nachdenklichkeit des hilflosen Helfers, da der einerseits rotzig freche Jugendliche, der es aber dennoch wagt, der Kranken einen selbstgetexteten Rap über seine sterbende Oma vorzutragen und der eine ganz eigene Beziehung zur Kranken aufbauen kann, weil er den Auftrag bekommt, ihren großen Fundus an analogen Fotos zu digitalisieren und archivieren - und schließlich die sterbenskranke Karla selbst, die sich zunehmend auf lakonische Mitteilungen beschränkt und nur noch abweisend formulierte, wenige Zeilen lange Kapitel beiträgt, die sich mehr und mehr auf das Wesentliche konzentrieren - und die gerade darum die intensivsten Seiten des Buches sind. So, wenn sie unter möglichen Todesarten überlegt ("im schlaf... durch erschlagenwerden oder herunterfallen von gegenständen im haushalt... als opfer von geiselnahmen oder terroranschlägen... von einer nutzlosen chemotherapie gedemütigt...bis zum schluss hoffen") oder aber, wenn sie Themen notiert, die ihr momentan durch den Kopf gehen ("gott / väter / homöopathie / ufos / vergebung / bestimmung / aufschub / jenseits / das nachlassen von nebenwirkungen"). Gerade die Lakonie und knappe Wahrheit dieser Passagen sind es, die wie ein klarer Spiegel zur vielen Geschwätzigkeit unserer Gesellschaft und vor allem auch der Medien erscheint. Wie die Autorin im Gespräch sagt, kann die Kunst gerade in ihrer Kargheit wehtun, weil da nichts gestrichen, aber alles auf den entscheidenden Punkt gebracht wird.

Beim Lesen fließen die Tränen, gleichzeitig kann man immer wieder herzlich und befreit lachen und fühlt sich ganz leicht. Es ist kein tragisches Buch, das einen runterzieht, vielmehr zeigt es Sterben als natürlichen Teil des Lebens und die Hospize als Orte der Lebensfreude, in denen bis zuletzt gelebt, geliebt und gelacht wird. „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ ist ein Roman über das Sterben – ganz ohne Schwere und Schwärze. Und es ist ein Roman von unglaublicher Tiefe und wunderbarer Weisheit, weil er es versteht, die Beziehung zu Sterben und Tod als das letzte Geschenk des Lebens zu erzählen.

 

Dirk Steinfort

theologie-und-literatur.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.