Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Buch des Monats Oktober

Katerina Poladjan, Hier sind Löwen, Roman, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2019 ISBN 978-3-10-397381-5, 289 Seiten

Eine Buchrestauratorin – ein Buch – und die beeindruckende Geschichte Armeniens: Dies sind die Handlungsräume des aktuellen Romans Wir sind Löwen von Katerina Poladjan.

Die Protagonistin des Romans, Helen Mazavian, ist, wie die Autorin selbst, armenischer Abstammung. Sie ist in Russland geboren und später nach Deutschland gekommen. Die eigene Vergangenheit war für sie lange kein Thema. Bis sie als Buchrestauratorin nach Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, reist: „Abovyan. Petrosian. Mazavian. Mein Nachname war plötzlich in phonetischer Gesellschaft. Bisher hatte ich ihn getragen wie ein unpassendes Kleidungsstück, wie einen verbeulten Hut, den ich auch zum Essen nicht abnahm“. (11) ... „Erzählen Sie von Ihrer Familie. Erzählen Sie von Ihrer armenischen Mutter. Wo sind Ihre Wurzeln, Helen?“ „Ich bin kein Baum.“ (81)

Vor ihrer Abreise nach Jerewan bekam Helen von ihrer Mutter ein altes Familienfoto überreicht. Sie bat sie, nach Familienangehörigen zu recherchieren. In Jerewan angekommen beginnt sie, Erkundigungen einzuholen. Sie beginnt zu suchen und damit wird ihr Aufenthalt in Jerewan zu einer Reise in die eigene Geschichte.

Helen hat die Aufgabe, im Zentralarchiv für armenische Handschriften eine alte Bibel zu restaurieren. Während ihrer Tätigkeit an dieser Bibel findet sie eine an einen Rand gekritzelte Notiz: Hrant will nicht aufwachen. Das weckt ihr Interesse und sie taucht ein, in das Rätsel des Buches und in die Geschichte Armeniens: 1915, unmittelbar vor Beginn eines Massakers, werden die beiden zehn- und zwölfjährigen Geschwister Hrant und Anhaid von ihren Eltern auf die Flucht geschickt. Sie haben nichts weiter bei sich als eine alte Familienbibel. Die Kinder werden nicht nur ihrer Kindheit beraubt sondern auch im höchsten Maße traumatisiert. Es geht ausschließlich um ihr Überleben. Ihre bedrückende Geschichte ist fragmentarisch in den Roman eingebunden.

Helen Mazavians Aufenthalt in Armenien führt sie auch in die Türkei. Auf die andere Seite des Ararat, den heiligen Berg der Armenier, auf dem Noah mit der Arche „gestrandet“ sein soll. Sie findet dort nicht nur die Rückseite des Berges, sondern auch Zeugnisse dafür, dass die Türkei noch immer ihren Genozid an den Armeniern verleugnet. „Sehen Sie dort?“, sagte er wenig später und zeigte auf einen marmornen Obelisken, der etwas abseits der Straße stand. „Das ist ein Denkmal für die Opfer der Armenier.“ „Sie meinen, es ist ein Denkmal für die armenischen Opfer.“ Ilay zuckte die Achseln, offenbar hatte er kein Interesse, sich mit solchen Feinheiten abzugeben. Er hielt vor dem Denkmal und ließ mich aussteigen. Die Tafel am Sockel war zweisprachig verfasst: (...)

THIS MONUMENT WAS BUILD FOR THE

REMEMBERANCE OF THE TURKS

SLAUGHTERED IN 1918 BY THE

ARMENIENS IN THIS VILLAGE.

Ilay war hinter mich getreten. „Sehen Sie, ich habe nicht gelogen. Und wenn Sie in den nächsten Tagen nichts vorhaben, fahre ich Sie nach I?dir, dort steht das höchste Denkmal der Türkei. Zwei riesige Schwerter ragen in die Luft. Und nun raten Sie wem es gewidmet ist – richtig, den von den Armeniern getöteten Märtyrern. Das Denkmal in Kars zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern hat man nach ein paar Jahren wieder abgerissen.“ (246 f)

Hier sind Löwen beschreibt eine besondere Suche und eine Auseinandersetzung mit eigener Geschichte. Der Roman lässt uns Leser*innen an der Lebendigkeit und an der Trauer eines solchen Abenteuers teilhaben. Es ist ein vielschichtiger, leiser und intensiver Roman. Er gibt keine Antworten, sondern zeigt, wie man mit Lücken in der Familiengeschichte leben kann und muss. Mit ihnen zurechtzukommen, heißt Verantwortung für das eigene Leben und für die eigenen Geschichten zu übernehmen: „Es begann zu regnen. Aus den Regentropfen wurde ein Guss, ich floh in ein Teehaus. Männer drehten ihre Gebetsketten, spielten Backgammon. Ich setzte mich an einen freien Tisch, betrachtete die Bahnen der Tropfen auf der Fensterscheibe und heulte. Trübe Flüssigkeit, angestaut in Tagen, Jahren, Jahrhunderten, ich bebte, und es schüttelte mich, und mir entfuhren Laute, die mich selbst zum Lachen brachten. Was sollte man mit dieser Ausländerin anstellen? Sie zurück in den Regen schicken, ihr einen Tee bringen, eine weiche Katze, ein Handtuch? Ich hob den Blick und sah eine Hand und ein Teeglas, eine verbeulte Hose, viel Bauch.“ (227)

Armenien oder Hayastan, wie die Armenier ihr Land nennen, ist die kleinste der drei kaukasischen Republiken Armenien, Georgien und Aserbaidschan. Das Staatsgebiet ist vergleichbar mit der Größe des Bundeslandes Brandenburg. Weltweit gibt es mehr als sechs Millionen Armenier. Zwei Drittel davon leben in Armenien und im Nachbarstaat Georgien. Von den drei Kaukasusrepubliken ist Armenien die ethnisch homogenste. Die Bevölkerung besteht zu 96% aus Armeniern, die sich selbst Haikh nennen, einem indiogermanischen Volk, das seit dem 7. Jh. v. Chr. in Kleinasien ansässig ist. „Das ist unser Kaukasus“, rief Araik. „wussten Sie, Helen, dass Gott beim Verteilen der Erde die Armenier vergessen hat? Und als Gott seinen Irrtum bemerkte, gab er den Armeniern das Land, das er eigentlich für sich selbst vorgesehen hatte.“ „Diese Geschichte erzählen die Georgier auch, mein Lieber“, sagte Evelina. „Die Georgier können erzählen was sie wollen, aber hier ist das Paradies auf Erden, und das Einzige, was uns fehlt, ist ein Zugang zum Meer.“ (29)

Armenier sind Weltbürger. Circa zwei Millionen Armenier sind in alle Welt verstreut und leben seit mehreren Generationen in der Diaspora. Sie haben im Ausland vielfach ihre ethnischen und religiösen Traditionen bewahrt. Es ist ihnen in ihrer mehr als zweitausendjährigen Geschichte trotz Fremdherrschaft von Medern, Persern, Römern, Parthern, Arabern, Byzantinern, Seldschuken, Osmanen und Russen gelungen, ihre nationale und kulturelle Identität zu bewahren. Nach den blutigen Verfolgungen der Jahre 1894 bis 1915 durch die Türken mit insgesamt 1,5 Millionen Toten flüchteten nahezu alle Armenier aus den türkisch verbliebenen Teilen Armeniens.

Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren und kam über Rom und Wien nach Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays. Auf ihr Prosadebüt „In einer Nacht, woanders“ folgte „Vielleicht Marseille“, gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht „Hinter Sibirien“. Sie war für den Alfred Döblin Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 an den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Ihr Roman „Hier sind Löwen“ wurde auf die Longlist zum deutschen Buchpreis 2019 aufgenommen.

Holger Meischner

theologie-und-literatur.de

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