Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Buch des Monats April

Yuval Noah Harari, 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, übersetzt von Andreas Wirthensohn, C.H. Beck 2018, ISBN-13: 978-3406727788

Was sollten wir unseren Kindern heute beibringen, damit sie für die Welt von morgen gerüstet sind? Denn in der Welt von heute „ist ein Mehr von Informationen so ziemlich das Letzte, was ein Lehrer seinen Schülern vermitteln muss. Die Kinder haben ohnehin schon zu viel davon. Stattdessen benötigen Menschen die Fähigkeit, Informationen zu interpretieren, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden und vor allem viele Informationsstückchen zu einem umfassenderen Bild der Welt zusammenzusetzen.“ (344)

Nach seinen Bestsellern über die Geschichte der Menschen (Eine kurze Geschichte der Menschheit, 2013) und die Zukunft (Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen, 2017) widmet sich der israelische Historiker nun den drängenden Fragen des 21. Jahrhunderts und stößt dabei ins Zentrum dessen vor, was Leben überhaupt ausmacht. Harari will die Menschen dazu anregen, sich an den Debatten unserer Zeit zu beteiligen, damit die Antworten nicht von blinden Kräften des Marktes oder politischen Extremisten gegeben werden.

In fünf großen Abschnitten, die jeweils in Themen gegliedert sind (und so 21 Lektionen ergeben ?!), legt er ein immens spannendes, inspirierendes und zudem äußerst gut zu lesendes Werk vor: I. Die technologische Herausforderung (Desillusionierung, Arbeit, Freiheit, Gleichheit); II. Die politische Herausforderung (Gemeinschaft, Zivilisation, Nationalismus, Religion, Zuwanderung); III. Verzweiflung und Hoffnung (Terrorismus, Krieg, Demut, Gott, Säkularismus); IV. Wahrheit (Nichtwissen, Gerechtigkeit, Postfaktisch, Science-Fiction); V. Resilienz (Bildung, Sinn, Meditation).

Wer "Homo Deus" gelesen hat, ist nicht überrascht, dass Harari sich vor allem den gesellschaftlichen Folgen der Biotechnologie und Informationstechnologie stellt. Wenn Algorithmen den Menschen besser kennen als er sich selbst und wesentliche Entscheidungen für ihn treffen können, wird die Kompetenz des Menschen und seine Freiheit in Frage gestellt: „Du wirst hart daran arbeiten müssen, dein Betriebssystem immer besser kennen zu lernen. Zu wissen, wer du bist und was du vom Leben willst. Das ist natürlich der älteste Ratschlag in diesem Buch: Erkenne dich selbst. … Doch dieser Ratschlag war nie dringlicher als im 21. Jahrhundert, denn anders als in den Zeiten von Laotse oder Sokrates haben wir heute ernsthafte Konkurrenz. Coca-Cola, Amazon, Baidu und die Regierung sind alle eifrig bestrebt, uns zu hacken. Nicht unsere Smartphones, nicht unsere Computer und nicht unsere Bankkonten – sie befinden sich in einem Wettlauf darum, uns und unser organisches Betriebssystem zu hacken.“ (352).

Darum berührt er immer wieder auch zentrale Fragen, welche Werte die Menschen im 21. Jahrhundert entwickeln bzw. entfalten müssen, um überhaupt eine Zukunft zu haben. „Für ein paar Jahre oder sogar Dekaden haben wir noch eine Wahl. Wenn wir uns anstrengen, können wir immer noch erforschen, wer wir wirklich sind. Aber wenn wir diese Chance nutzen wollen, sollten wir das jetzt tun.“ (417) Besonders stark und herausfordernd habe ich dabei die Abschnitte empfunden, in denen er jenseits der Religionen eine Ethik des säkularen Zeitalters entwickelt: „Säkulare Bildung bringt Kindern bei, Wahrheit von Glauben zu unterscheiden, Mitgefühl für alle leidenden Wesen zu entwickeln, die Weisheit und die Erfahrungen aller Erdenbürger zu schätzen, frei und ohne Angst vor dem Unbekannten zu denken sowie Verantwortung für das eigene Handeln und für die Welt insgesamt zu übernehmen.“ (278f)

Wie das gehen kann, dafür gibt Harari nicht nur konkrete, sondern auch immer wieder witzig anregende Impulse, die aber nie darüber hinwegtäuschen, von welcher Wichtigkeit sie sind: „Wir können nicht nach der Wahrheit und nach einem Ausweg aus dem Leid suchen ohne die Freiheit, zu denken, zu erforschen und zu experimentieren. … Menschen sollten stets die Freiheit behalten, zu zweifeln, erneut zu prüfen, eine zweite Meinung einzuholen, einen anderen Weg auszuprobieren. … Es erfordert eine Menge Mut, gegen Vorurteile und repressive Regime zu kämpfen, aber noch mehr Mut braucht es, um Unwissen offen zuzugeben und sich ins Ungewisse aufzumachen. … Menschen, die Angst haben, ihre Wahrheit zu verlieren, sind tendenziell gewalttätiger als Menschen, die es gewohnt sind, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Fragen, die wir nicht beantworten können, sind in der Regel weitaus besser für uns als Antworten, die man nicht infrage stellen darf.“ (276f)

Dirk Steinfort

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