Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Buch des Monats Mai:

Arno Geiger: Unter der Drachenwand, Carl Hanser Verlag 2018, ISBN 978-3446258129, 480 Seiten.

 

Der 1968 geborene und in Wien lebende Schriftsteller Arno Geiger hat zuletzt mit seinem Roman Der alte König in seinem Exil, ein Roman über die Demenzerkrankung seines Vaters, von sich Reden gemacht. Mit seinem neuen Roman Unter der Drachenwand beendet er ein über zehnjähriges Projekt, von denen „nur“ die letzten sechs Monate Schreibarbeit waren.

Er nahm sich vor, ein Buch über den zweiten Weltkrieg zu schreiben. Es sollte weder eine Heldengeschichte werden, noch von großen Schlachten berichten. Arno Geiger ging stattdessen den Fragen nach: Was macht der Krieg, abseits der Schlachtfelder, mit einem Individuum? Wie ergeht es einer Person in einer Zeit, in der man nur einem Ziel, dem Krieg, untergeordnet ist? In der man persönlich gar nicht mehr auftaucht, sondern nur noch Zahl und Nummer ist?

Die Handlung von Unter der Drachenwand liegt im Jahr 1944. Es ist die Zeit, in der die meisten Menschen Europas mitbekommen haben, dass sie sich mit dem Teufel ins Bett gelegt haben und feststellen müssen, dass es fast unmöglich ist, dieses Bett wieder zu verlassen. Arno Geiger las Briefe und Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit, die Basis und das Fundament von Unter der Drachenwand wurden. Er fand darin die Form und den Stil seines neuen Romans. Wir erleben sämtliche Protagonisten in Unter der Drachenwand Tagebuch und Briefe schreibend. Arno Geiger ließ keine Distanz zu seinen Figuren aufkommen. Im Gegenteil. Er ließ eine Nähe zu, die etwas Grundsätzliches aussagt und Anspruch auf etwas Allgemeingültiges hat. Er zeichnet ein Bild aus der gesellschaftlichen Mitte. Er beschreibt keine Helden und niemanden der sich selbst schnell aufgibt.

Die Hauptfigur in Unter der Drachenwand ist Veit Kolbe, ein Wehrmachtssoldat, der im Jahr 1944 gerade 24 Jahre alt ist. Verwundet kommt er von der Ostfront zur Genesung in das österreichische Städtchen Mondsee am Mondsee: „Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, ich hatte überlebt. / Später stellte ich fest, dass ich doppelt sah. Alle Knochen taten mir weh. Am nächsten Tag Rippenfellreizung, zum Glück überstanden. Doch auf dem rechten Auge sah ich weiterhin doppelt, und der Geruchssinn war weg. So hatte mich der Krieg auch dieses Mal nur zur Seite geschleudert.“ (7)

Er ist in Mondsee untergekommen bei der „Quartiersfrau“ und ihrem Bruder, dem „Brasilianer“, der von Brasilien und der Freiheit träumt. „Aber einmal noch, im Urwald, will ich zu den vier Freiheiten kommen, die uns so fest versprochen wurden: Nicht frieren, weil in Südamerika die Energie aus dem Himmel fällt. Nicht hungern, weil in Südamerika Früchte, Fische, Würmer und Krokodileier nicht rationiert sind. Nicht in Angst leben, weil die sogenannten Wilden bessere Menschen sind als die europäischen Maschinenmenschen. Und nicht: alles andere. Im Urwald bekommt man alle Freiheiten ohne Bezugsschein...“ (297)

Die 'Reichsdeutsche' Margot ist die Nachbarin von Veit Kolbe. Sie kommt aus Darmstadt und ist mit einem Soldaten aus Linz frisch verheiratet. Sie ist Mutter eines Säuglings und schreibt sich mit ihrer Mutter im zerstörten Darmstadt. Eine Nebengeschichte spielt der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer, der zu spät aus Wien geflohen ist. Er meldet sich in Budapest freiwillig zur Zwangsarbeit, nachdem seine Frau und sein Kind deportiert wurden.

Bis auf den 'Brasilianer' gibt es in dem Roman Unter der Drachenwand niemanden, der oder die sich offen gegen das Naziregime wendet. Es treten keine Helden auf. In einem Interview auf der Leipziger Buchmesse 2018 erklärte Arno Geiger, dass für ihn das Schreiben und die Literatur per se privat, persönlich und widerständlich ist. In einer Zeit, in der es keinen Individualismus, sondern nur Masse gibt, steht das Erzählen von Geschichten, das Aufschreiben, in Opposition zu allem Totalitärem.

„Der totale Krieg war ein totaler Betrug. Vor allem die Einberufung der Buben mit Pfirsichpflaum auf den Wangen enthüllte auch im Hinterland in grausamer Deutlichkeit, wie wahnwitzig und menschenfeindlich die Firma für Blut und Boden agierte, jederzeit bereit, völlig sinnlose Opfer zu fordern, mit denen niemandem gedient war, die den Betroffenen aber das Lebensglück zerstörten und schlimmsenfalls das Leben. Man schaufelte einfach noch etwas Kohle in die Feuerung, koste es was es wolle. / Bei dem Gedanken, das die Kinder, das angeblich teuerste Gut des F., jetzt ausbaden sollten, was die verrückten Eltern ausgeheckt hatten, fühlte ich Kälte in mir aufsteigen.“ (345)

Unter der Drachenwand ist ein äußerst stimmungsvolles, unpathetisches, intensives und dadurch sehr lesenswertes Buch.


Holger Meischner

 

 

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