Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Buch des Monats Oktober:

Jón Kalman Stefánsson: Fische haben keine Beine, übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig,  Piper Verlag, ISBN 978-3-492-05689-2, 408 Seiten





 

Kennen Sie das Sagen- und Märchenumwobene Island? Island ist der zweitgrößte Inselstaat nach Großbritannien und liegt 300 km östlich von Grönland und 800 km westlich von Norwegen. Es ist das Land der Vulkane und Geysire in dem sich die Bevölkerung in der Regel mit Vornamen anspricht und in dem Migranten ihren alten Namen ablegen und einen isländischen annehmen mussten. Das Land hat am 1. März 1989 nach 74 Jahren ein Bierverbot und damit die Prohibition vollständig aufgehoben. Seit 2017 hat Island über 300.000 Einwohner
Jón Kalman Stefánsson wurde 1963 geboren und gehört, nach dem Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, zu den bedeutendsten Schriftstellern Islands. Seine Werke wie Der Schmerz der Engel, Himmel und Hölle und Das Knistern der Sterne wurden in viele Sprachen übersetzt. Fische heben keine Beine stand auf der Shortlist des Isländischen Literaturpreises und bekam den Preis des Nordischen Rats.

Dieses vielschichtige Buch ist ein Roman über die verwobenen Abschnitte aus dem Leben Aris, einem Schriftsteller und Verleger, und seiner Familie. In den Kapiteln die mit „Heute“ überschrieben sind begleiten wir ihn auf der Heimreise von Dänemark nach Keflavik. Vor drei Jahren stand Ari, seit 25 Jahren verheiratet und Vater von drei Kindern, unvermittelt vom Frühstückstisch auf und verließ seine Familie. Erst als sein sterbender Vater ihn zurück bat, machte er sich auf die Reise in die Heimat, die eine Rückkehr in die eigene Vergangenheit und zu sich selbst wird. Ari hält Rückschau in seine Geschichte, erinnert sich an alte Begebenheiten und bereitet sich auf neue Begegnungen vor, die ihm nicht alle leichtfallen werden.
Als er sich einigermaßen wieder eingekriegt hat, bückt sich seine Sitznachbarin nach der Urkunde, reicht sie ihm und streichelt Ari mit ihren fettigen Kartoffelchipsfingern über den Handrücken, wobei sie leise auf Englisch sagt: Wer gegenüber dem Dasein keinen Schmerz oder keine Aufregung empfinde, habe ein gefühlloses Herz und nie gelebt. Sie sollten für Ihre Tränen dankbar sein. (31)
Die Kapitel „Damals“ handeln in der Zeit, in der sich Aris Großeltern kennenlernten. Jón Kalman Stefánsson beschreibt hier das isländische Leben, das hauptsächlich vom Fischfang geprägt ist und in dem es bis dahin nur drei Himmelsrichtungen gab´: den Wind, das Meer und die Ewigkeit. (10) Im Leben der beiden alten Menschen hat sich nie etwas Nachrichtenwürdiges ereignet, sie haben ihr Fische gefangen und ihre Schafe versorgt, sie kannten die Namen der Berge um sich herum und einiger Bäche, und sie konnten am Verhalten der Vögel erkennen, ob ein Wetterumschwung im Anzug war, sonst hatten sie wenig beizutragen, waren leicht zu vergessen, aber sie erreichten das, wovon die meisten träumen, sie waren auf ihre Weise ganze sechzig Jahre glücklich miteinander. (199)

In den Kapiteln „Keflavik“ wird beschrieben wie Ari in den 1970ziger Jahren in Keflavik aufwuchs. Zu dieser Zeit waren ca. 6000 us-amerikanische Soldaten dort stationiert, die das Leben der Stadt deutlich beeinflussten. Über Versorgungslieferungen kamen Bücher, Zeitschriften, Musik und Alkohol in das Land, die von den einheimischen Jugendlichen heiß begehrt wurden. So lernte Ari die Beatles, Pink Floyd und die Mädchen kennen.
Fische haben keine Beine handelt von der Liebe, dem Abschied und der Verantwortung im Leben. Jón Kalman Stefánsson schafft es das Alltägliche der Familie, der Arbeit und des Gemeinwesens bildreich, poetisch und sehr realistisch zu beschreiben. Die weltbewegenden Ereignisse sind nicht der Bau der Pyramiden, Napoleons Siegeszug, die Ausdehnung des britischen Empire, sondern das erste Wort, der erste Versuch aufzustehen. Vielleicht gibt es nichts Größeres, als ein Leben wachsen zu sehen. (200)
Was internationale Verträge und Fangquoten für die isländische Bevölkerung bedeuten verdeutlicht er mit Humor und Ironie, wie zum Beispiel die „Top four“ der Speisekarte einer Hamburgerbraterei in Keflavik:


„Einfaches Volk:              Normaler Cheesburger, 80 Gramm Fleisch
Seegraf (schluckt alles): Doppelter Cheeseburger, zwei Burger à 100 Gramm
Quotenschwindel:           Riesenburger mit allem
Keflavikquote:                 1 trockenes Brötchen ohne Hamburger.“ (63)


Der Roman ist so konstruiert und geschrieben, dass er die Eigenheiten und die Fremdheit Islands widerspiegelt und den Leser so neugierig macht, dass er das Buch nicht aus der Hand legen mag. Jón Kalman Stefánsson verknüpft das Große mit dem Kleinen und hat sogar Ideen, die der internationalen Politik ganz aktuell (!) sehr gut tun würden. Vielleicht, sagt Ari, nachdem wir die ganze Platte durchgehört haben, manche Stücke auch zweimal, sollte keine Sitzung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eröffnet werden, bevor man den Teilnehmern nicht mindestens eine halbe Stunde lang Bach vorgespielt hat, denn wer nach einer halben Stunde Bach immer noch starrköpfig und böswillig denkt, wer immer noch etwas anderes anstrebt als Schönheit, Eintracht und Gerechtigkeit, der hat einen schweren Schaden.(338)
Jón Kalman Stefánsson zeigt sich mit diesem Roman als Meister der isländischen Erzählkunst. Es ist ein Genuss, dieses Buch zu lesen und in die Atmosphäre hineinzutauchen. Für die deutsche Ausgabe ist dies auch der sehr guten Arbeit des Übersetzers Karl-Ludwig Wetzig zu verdanken.
...wie kann jemand, der etwas über den Menschen, seine Geschichte, seine Kultur, sein Wesen und sein Inneres weiß, das Abwegige ausschließen? (69)
Dieses Wissen macht Fische haben keine Beine so interessant und lässt mich schon sehr auf das aktuelle Buch von Jón Kalman Stefánsson freuen, in dem es um nichts weniger geht als: „Etwas von der Größe des Universums“.

Holger Meischner

theologie-und-literatur.de

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