Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Buch des Monats November

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi, 304 Seiten, Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2019, ISBN 3103974590

Kintsugi ist eine traditionelle japanische Reparaturmethode, bei der die Brüche des Porzellans nicht tabuisiert werden, sondern mit Gold repariert und damit fast betont werden.
Eine schöne Tradition, die zum heutigen Leben passt. Denn es ist voller Brüche und diese stellen uns vor die Entscheidung, ob wir die Brüche ignorieren, verheimlichen und übergehen - oder ob wir uns ihnen stellen, sie bejahen und kreativ in unser Leben integrieren.

Dass es in diesem Roman um heutige Biographien geht, zeigt schon die Familienkonstellation: Drei Männer und eine Tochter. Das ist meine Familie, sagt einer der Männer, Reik. Er ist nicht der leibliche Vater von Pega, aber doch ein Elternteil genauso wie Max. Tonio ist der „echte“ Vater, aber „echt“ im Sinne von wirklich sind alle drei, am wenigsten „echt“ ist die Mutter, denn die gibt es nur in Pegas Phantasie. Manchmal steht sie im Raum, aber vermisst hat sie sie nie.

Das gutbürgerliche Leben, das man selber pflegt, muss sich die ersten Seiten erst einmal daran gewöhnen, dass der Sex hier zwischen Männern stattfindet und dass ein Mann seine Karriere einsetzt, um das Kind zu erziehen. Irgendwann stellt er klar, dass er das freiwillig getan hat, weil das Kind zu bekommen ihm wichtiger war als eine verheißungsvoll unsichere Musikerkarriere.

Alle vier verbringen ein Wochenende im Strandhaus der beiden Männer Max und Reik, die seit 20 Jahren ein Paar sind, aber nicht geheiratet haben. An diesem Wochenende entdecken sie die Risse in ihrer Beziehung, wie auch die Risse in allen Beziehungen dieser Viererkonstellation. Doch wie mit diesen Rissen umzugehen ist, kann nur von jedem und jeder einzelnen entschieden werden: Trennung oder Dranbleiben, Weggehen oder damit Umgehen. Klar aber ist, dass das Nein des einen Nein für beide bedeutet, sei es die homosexuelle oder die heterosexuelle Paarkonstellation.

Dem Buch gelingt Kintsugi, was es im Titel verheißt, das hält es auch. Das Teegeschirr, das im Laufe der Geschichte tatsächlich zerbricht, wird mit Gold gekittet. Die Wunden werden nicht geglättet, aber die Heilungsprozesse ermöglicht. Es geht niemand so ganz, auch wenn einer geht, die Familie bleibt, auch wenn sie nicht mehr so sein wird, wie sie war.

Miku Sophie Kühmel wurde 1992 in Gotha geboren. Sie hat an der Humboldt-Universität zu Berlin und der New York University studiert, unter anderem bei Roger Willemsen und Daniel Kehlmann. Seit 2013 erscheint ihre Kurzprosa regelmäßig in Zeitschriften und Anthologien. Seit kurz davor erzählt sie Geschichten auch in Radiostücken und Podcasts, die sie produziert. »Kintsugi« ist ihr erster Roman, das Buch liest sich gut, es ist heutig, aber lesbar. Die Autorin muss ihre Coolness nicht durch komplizierte Sätze und verschlungene Handlungen beweisen. Handlung ist sowieso eher wenig, es dauert ja nur ein Wochenende und es passiert nicht viel. Es geht ja um innere Ereignisse und um Vergangenheit. Um Familie werden, um Familie sein und all die Veränderungen, die damit schon verbunden waren und weiter verbunden sind.

Fast sagt das Buch: Hab keine Angst. Es bleibt nicht, wie es ist. Und es lässt sich auch nicht alles aus der Vergangenheit herleiten, was gerade passiert. Nutze jedoch deine spirituellen Quellen, denn sie sind das Gold, mit dem jede/r einzelne seine Brüche reparieren kann. Wenn eine andere oder ein anderer dabei noch behilflich ist, umso besser.

Zum Zeitpunkt, da ich diese Rezension schreibe, steht das Buch auf der Shortlist für den Preis des Deutschen Buchhandels 2019. Shortlist heißt, sechs nominierte sind noch übrig. Ich meine, es hätte den Preis verdient. Bis Sie diese Rezension lesen, steht der Gewinner oder die Gewinnerin fest. Ich bin gespannt – und empfehle diesen Roman jedenfalls wärmstens, unabhängig von der Entscheidung der Jury.

 

Christiane Bundschuh-Schramm

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