Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Drei Buchtipps für Dezember

Tomas Espedal, Das Jahr, Verlag Matthes & Seitz Berlin, 196 Seiten, ISBN 395757773X

Zum Jahreswechsel und zur dunklen Jahreszeit passt das Buch ‚Das Jahr‘ des Norwegers Tomas Espedal. Wie sein Landsmann Karl Ove Knausgård schreibt Espedal Literatur über sein wirkliches Leben. Der Leser, die Leserin müssen nicht rätseln, was davon erlebt und was Fiktion ist, sie müssen nicht vermuten, wer sich hinter den Charakteren verbergen könnte, die Geschichten sind echt und die Personen und ihre Namen sind es auch. Doch während Knausgard in epischer Breite seine Jahre entfaltet, tut es Espedal verdichtet und knapp. In ‚Das Jahr‘ noch verdichteter und knapper als in seinen anderen Büchern. Das Jahr ist ein Langgedicht. Es ist von Anfang bis Ende in Gedichtform geschrieben, ab und zu mit einer Leerzeile zwischen jedem Satz, als sollte deutlich werden, dass zwischen den Zeilen ganze Welten liegen, jede geschriebene Zeile einen Kosmos eröffnet, mit dem man niemals fertig wird. ‚Das Jahr‘ kann man auch nicht nur einmal lesen, ist man fertig, fängt man von vorne wieder an oder hat jedenfalls die Idee, es zu tun.

Das Jahr beginnt am 6. April, genau dem Datum, an dem Petrarca im Jahre 1327 seine Laura zum ersten Mal sah, die Frau, die er von da an, über deren Tod hinaus und bis zum eigenen Tod liebte. Espedal geht es genauso: „Ich will keine neue Liebste im Haus haben und will auch nicht umziehen ich will alleine wohnen das habe ich beschlossen“. Dieses eigene Leben beschreibt er lyrisch in seinem Langgedicht, wie er um die Liebste trauert, wie er allein frühstückt, wie er über das Leben denkt, die politischen Vorgänge und den Tod, wie er seinen Vater trifft, wie unbarmherzig er sein kann, wie verzweifelt, wie er trinkt. Alles nebeneinander, wie es jede/r erlebt: die großen Fragen und Themen neben den Alltagsverrichtungen, das kleine Leben in den eigenen vier Wänden neben den großen Vorgängen der Politik. Alles nebeneinander, alles in einem Jahr, das ein eigener Kosmos und doch wie eine Tür zu den anderen vielen Welten ist, die sich parallel ereignen. Manchmal rückt er einem sehr nahe, dieser komische Einsiedler, dann ist er fern, man versteht ihn nicht, wie er reagiert, was er sich zu Herzen nimmt, was nicht. Man schwankt zwischen der Idee, ihn anzurufen und dem Gedanken, ihm niemals begegnen zu wollen. Seltsam aufwühlend die Lektüre, so aufwühlend, wie das Cover, das mir und anderen anfangs gar nicht gefallen hat. Aber es passt zu diesem Buch. Es ist große Literatur, denn nach der Lektüre ist man verändert, die großen Fragen sind noch größer geworden. Respekt, Herr Espedal!

 

Christiane Bundschuh-Schramm

Dave Eggers, Die Mitternachtstür, aus dem amerikanischen Englisch von Ilse Layer mit Vignetten von Aaron Renier, Verlag Fischer Sauerländer 2018, 365 Seiten, ISBN 978-3-7373-5629-9

Dave Eggers, geboren 1970 in Boston/Massachusetts, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Herausgeber verschiedener Literaturzeitschriften. Eggers ist Autor der weltweiten Bestseller „The Circle“ und „Der Mönch von Mokka“. Sein Roman „Ein Hologramm für den König“ war nominiert für den National Book Award, für „Zeitoun“ wurde ihm u.a. der American Book Award und der Albatros-Preis der Günter-Grass-Stiftung verliehen. Eggers ist Gründer und Herausgeber von McSweeney’s, einem unabhängigen Verlag mit Sitz in San Francisco. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Nordkalifornien. Mit dem Roman „Die Mitternachtstür“ (2018) legt Dave Eggers einen anrührenden und äußerst tiefgründigen Roman für Menschen ab zehn Jahren vor.

Der zwölfjährige Gran wächst in nicht einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater findet seit Jahren keine feste Arbeit, seine Mutter ist gehandicapt und sitzt im Rollstuhl. Die Eltern entschließen sich aus einer Notsituation heraus, in das Haus des Urgroßvaters nach Carousel zu ziehen. Es ist ein wenig attraktiver Ort. In diesem kleinen Städtchen sind die meisten Häuser baufällig und einige wurden sogar vom Erdboden verschluckt. Das erste Kapitel in „Die Mitternachtstür“ stellt klar: „Kapitel 1 - Gran wollte nicht nach Carousel ziehen.“ (7)

In seiner neuen Schule bekommt er keinen Anschluss und Gran fühlt sich allein. Seine Mitschülerin Catalina zeigt ein sonderbares und geheimnisvolles Verhalten. Sie erregt damit seine Aufmerksamkeit. Gran wird neugierig und möchte ihrem Geheimnis auf die Spur kommen. Er entdeckt, das Carousel von einem Tunnelsystem unterhöhlt ist, in dem die Hollows herrschen. Es sind tornadoartige Winde, die immer neue Schächte graben und dadurch alles, was auf der Erdoberfläche ist, zum Einsturz bringen. Die Lebensgrundlage von Carousel ist akut gefährdet. Gran und Catalina nehmen den Kampf gegen die Hollows auf.

Während vorrangig Kinder und Jugendliche mit der Befestigung der Tunnel beschäftigt sind und versuchen, den Hollows Einhalt zu gebieten, sind die Erwachsenen in ihrem Bemühen eher hilflos.

So entpuppt sich beispielsweise der Streit zwischen P&S und E&H - "Park und Schule" bzw. "Elche und Hubschrauber"-, zweier Vereinigungen mit gegensätzlichen Vorstellungen im Hinblick auf den Zerfall von Carousel, als reichlich absurd. Die Parallelität zur realen Klima- und Umweltsituation ist frappierend und meines Erachtens gewollt. Aus diesem Grund sollte „Die Mitternachtstür“ auch von Menschen gelesen werden, die älter als 10 Jahre sind. Sie erwartet ein äußerst spannendes und ausgeklügeltes Buch, in dem so wunderbare Passagen auftauchen wie: „Das menschliche Bewusstsein steckt voller Leidenschaft. Es stürzt sich auf Dinge und neue Menschen und kann dabei alles andere schnell aus den Augen verlieren. So wurde Grans Bewusstsein von Catalina vereinnahmt. Er dachte an ihr dunkles Haar, ihre Kraft, als sie ihm aufgeholfen hatte. Aber am allermeisten dachte er daran, wie ungewöhnlich und gut es war, wenn jemand anderes, jemand in seinem Alter, überhaupt mit ihm sprach.“ (54) Oder: „Und an seinem letzten Abend zu Hause hatte sein Vater ihm und Maisie Nachtisch in Aussicht gestellt, wenn sie ihren Teller leer aßen, aber als sie fertig waren, sagte er, sie bräuchten keinen Nachtisch. Es geht nicht um 'brauchen', hätte Gran gern gesagt. 'Brauchen' ist nicht der Punkt. Sondern, dass du es versprochen hast. Und hier würde der Erzähler Gran gern zustimmen. Ein Versprechen ist wie der Boden unter unseren Füßen. Er muss fest sein. Wie können wir gehen und laufen und leben und lachen, wenn wir nicht auf den Boden unter unseren Füßen vertrauen können? Und genauso ist es mit Versprechen. Sie geben uns Halt. Sie halten alle und alles aufrecht.“ (229) Und: " '...man muss mutig sein, und genauso wichtig ist es, dass man Traurigkeit kennt.' 'Warum?', fragte Gran. Das interessierte ihn. 'Weil Traurigkeit Pflicht ist', erklärte Catalina. … 'Wer Traurigkeit kennt, versteht Traurigkeit auch bei anderen. Und wenn man Traurigkeit bei anderen verstehen kann, fühlt man sich verpflichtet zu helfen.' (288)

„Die Mitternachtstür“ hat eine eindeutig positive Botschaft: Mit Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Mut können auch allergrößte Hindernisse bewältigt werden.

 

Holger Meischner

Lisa Halliday, Asymmetrie, aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs, Hanser Verlag 2018, 320 Seiten, ISBN 3446260013

Asymmetrie, ein programmatischer Titel, der diesen dichten Roman und seine verschiedenen Konstellationen präzise auf den Punkt bringt, ihn aber zugleich auch wieder verfehlt, da er durchdacht und mit zahllosen Kreuz- und Querbezügen als genau konstruiertes Triptychon geschrieben ist. Ein Roman in drei Teilen, die jeder für sich eine spannende Geschichte erzählen, viele Inspirationen und Herausforderungen beim Lesen bieten – nicht zuletzt deshalb, weil immer wieder auf andere Dichtungen und Romane Bezug genommen und daraus zitiert wird. Diese literarischen Verbindungen erscheinen wie zusätzliche Spiegelebenen, so dass der Roman zum Wiederlesen und Zurückblättern einlädt und man mitnichten, einmal gelesen, fertig mit ihm wird. Zumal ‚Asymmetrie‘ auf raffinierte Weise auch die Teile miteinander verknüpft, und scheinbar unverbunden hintereinander folgende Kapitel im Nachhinein mit Hin- und Herverweisen erst durcheinander neu zu verstehen sind.

Worum geht es? Eine junge Lektorin und angehende Schriftstellerin lernt zufällig im Park einen berühmten, inzwischen gebrechlichen Autor kennen. Die beiden beginnen eine kurze, heftige Affäre miteinander, eine erste Asymmetrie, denn der Autor versucht die junge Frau zu seinem Wunschgeschöpf zu erschaffen, versorgt sie mit Weisheiten, Geld und Kontakten, Einsichten über das Schreiben und zahlreichen literarischen Tipps über Bücher, die sie unbedingt lesen muss, um selbst weiter zu kommen. Eine schiefe Verbindung also, keineswegs auf Augenhöhe, eine asymmetrische Konstruktion, die sich aber im Lauf der Geschichte auf tragische Weise verkehrt: Denn der alte Schriftsteller, hinfällig, ausgezehrt und vielfach von Operationen gezeichnet, kann der (durchaus auch sexuell…) rauschhaften Begegnung immer weniger standhalten, wird der schwächere Part in der Beziehung, der wehleidig darum bettelt, dass sie ihn doch nicht verlassen möge. All das ist so drastisch wie bewegend geschrieben – und das völlig unabhängig von dem Wissen, dass Lisa Halliday (*1977 in Massachusetts) hierin schreibend auch die eigene Beziehung zum weltberühmten Philip Roth verarbeitet. Dieses autobiografische Mehrwissen mag einen zusätzlichen Kick beim Lesen geben, muss es aber nicht. Zumal der Roman an der Stelle abbricht und ein zweiter, ganz anderer Teil einsetzt, in dem ein irakischer Wissenschaftler am Londoner Flughafen umsteigen will, um seinen Bruder in Istanbul zu besuchen. Und dabei in eine kafkaesk unwirkliche Szene hineingerät, in der er ununterbrochen Befragungen ausgesetzt, gedemütigt und ohne erkennbare Fortschritte hin- und hergeschoben wird. Auch dies eine Realität zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ein Immigrant, der unter Verdacht gestellt und in eine Situation hineingesetzt wird, aus der er letztlich nicht entkommen kann, eher anonym wabernde Vorwürfe, durch die er Bittsteller wird, der sich rechtfertigen muss – eine Situation extremer existentieller Asymmetrie. Atmosphärisch schon beim Lesen kaum zu ertragen, zumal in der heutigen politisch-gesellschaftlichen Atmosphäre keineswegs übertrieben, sondern jederzeit nachvollziehbar. Dann aber setzt ein dritter Teil ein, im Ton erneut anders und in gewisser Weise doch die Fäden aufnehmend: Denn hier findet ein fiktives Interview statt, das der renommierte Schriftsteller einem Radiosender gibt. In dem er von seinen Lese- und Schreiberfahrungen erzählt, von seinen Lieblingsmusikstücken – und von einer jungen Kollegin, die soeben einen fulminanten Erstlingsroman geschrieben habe… Und wie rührend liest es sich, wenn Philip Roth auch so ein kleines literarisches Denkmal gesetzt wird: das Interview im Roman wird anlässlich der Nobelpreisverleihung geführt. Ein Preis, auf den der wirkliche Autor ein Leben lang so beharrlich wie vergeblich gehofft hatte.

Ein außergewöhnlich anregender, bewegender und besonders geschriebener Roman, der einlöst, was der Schriftsteller zu Beginn als Zitat neben seiner Schreibmaschine stehen hat: „Ein Künstler, denke ich, ist doch nichts anderes als ein Erinnerungsvermögen, das sich beliebig zwischen gewissen Erfahrungen bewegen kann…“ (20) Lisa Halliday zeigt dies virtuos.

 

Dirk Steinfort

theologie-und-literatur.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.