Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

Lesetipps zum Sommer 2019

Jana Revedin: Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus, Das Leben der Ise Frank. Ein biografischer Roman, DuMont Buchverlag 2018, 304 Seiten

Man kennt sie, die Herren des Bauhauses, Gropius, Wagenfeld, Kandinsky, Klee, … Aber die Frauen des Bauhauses kennt man bis heute nicht. Jana Revedin, Architektin und Autorin, hat ein Buch über die Frau Bauhaus geschrieben, die Ehefrau von Walter Gropius. Auch hier gilt, was so oft der Fall war und bisweilen immer noch ist: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine kluge, fleißige und begabte Frau.

Unter dem Titel „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“ beschreibt Jana Revedin das Leben der Ise Frank. Sie ist Tochter einer großbürgerlichen Familie und lernt mit 26 Jahren den um einiges älteren geschiedenen Walter Gropius kennen, heiratet ihn und verschreibt sich wie er der Bauhausidee, sie ganz und gar, er … eher weniger als sie. Sie wird Journalistin, geht mit ihm nach Weimar und sorgt dafür, dass das Bauhaus in der Presse und in wissenschaftlichen Zeitschriften sichtbar ist und rezipiert wird. Auch später, am Fluchtort Massachusetts schreibt sie diese Geschichte des Bauhauses weiter, dann im prüden Amerika freilich unter seinem Namen. Sie organisiert auch die legendäre Ausstellung im MOMA 1938 mit und hat damit wesentlichen Anteil, dass wir heute – 100 Jahre nach der Gründung - so gut über das Bauhaus informiert sind oder uns informieren können.

Ise Frank und Walter Gropius, das Buch ist auch eine Liebesgeschichte, die zärtlich beginnt, aber schwierige Phasen erleben muss, die dank Ise Frank auch diese übersteht. „Ise, ich brauche sie“, so das Mantra von Gropius, sein Heiratsgrund, der sich später für ihn und für das Bauhaus bewährt. Auch für sie …? Ise hält die Fäden zusammen, kümmert sich um den Umzug nach Dessau, stellt Kontakte zu großen Architekten Europas her und schreibt seine Vorträge, obwohl sie, wie sie selber sagt, nichts von Architektur versteht.

100 Jahre Bauhaus, eine Gelegenheit und diese längst überfällig, die Geschichte der Bauhausfrauen zu erzählen und zu lesen. Ise Frank ist eine Schlüsselfigur unter ihnen.


Christiane Bundschuh-Schramm

 

 

Jan de Leeuw, Babel, Verlag freies Geistesleben & Urachhaus Stuttgart 2018, 436 Seiten

Abraham Babel ist über Immobilienspekulation zum Millionär und zu einem wichtigen Player auf dem Immobilienmarkt geworden. Er ist der „fleischgewordene kapitalistische Traum“ (76). Seine Skrupellosigkeit provozierte ein Attentat, das neben ihm nur seine Nichte Alice überlebte. „Das soziale Engagement, das er angekündigt hatte, nahm recht eigenwillige Formen an. Er kaufte tatsächlich Straßenzüge in fast nicht mehr bewohnbaren Vierteln auf, in die sich weder das Gesetz noch vornehme Bürger hineinwagten, aber anstelle von besseren Häusern kamen Bulldozer, Industrieparks, Überwachungskameras und Zwangsräumungen.“ (77) Abraham Babel lebt umgeben von seinen Beratern und engsten Mitarbeitern zurückgezogen im höchsten Gebäude der Erde, in seinem „Turm“. Langsam verliert er sich dort in seiner eigenen Welt.

Im Vordergrund des Romans steht die schwierige, sich langsam entwickelnde Freundschaft der beiden Mädchen Alice und Naomi. Alice ist das reichste Mädchen der Erde. Sie ist von absolutem Luxus umgeben. Seit dem Terroranschlag auf ihren Opa Abraham Babel ist sie gelähmt und lebt im obersten Stockwerk des Babelturms völlig isoliert. Obwohl ihr alles, was sie möchte, zu Füßen liegt, ist sie sehr einsam. „Ich verstehe es nicht, Alice. Du hast da nichts verloren. Unser Koch bereitet dir alles zu, was du willst, und zwar besser als die Köche vom City View Restaurant. Die Gäste dort kommen nicht wegen der kulinarischen Höchstleistungen. Sie kommen, um gesehen zu werden.“ „Vielleicht will ich das ja auch.“ (129)

Die gleichaltrige Naomi beginnt als Reinigungskraft im Babelturm. Sie arbeitet nicht nur in dem Gebäude, sondern muss auch in ihm wohnen. Durch einen Zufall begegnet sie Alice, die sie interessant findet und in ihr direktes Umfeld 'befördert'. Langsam kommen sich beide näher. Naomi wird Freundin und Vertraute von Alice. Oder lässt dies die Hierarchie nicht zu?

„Mich juckt es am Fuß.“ Das Mädchen schaute sie an. Wenn Blicke töten könnten! „Na los. Heb die Decke hoch.“ „Ist das gut so?“ „Fester“, sagte Alice. „Ist es so besser?“ „Fester!“, rief ‚Alice. Sie betrachtete diesen störrischen Mund, diese Rehaugen, die vor Wut loderten. Ach, dieses Wesen hasste sie, das war klar. Wie schnell waren sie von zwei Mädchen in einem zu großen Zimmer zur Herrin und Dienerin hinabgesunken. (71)

Die deutlichen Anspielungen zum Turmbau zu Babel kommen nicht von ungefähr. In der alttestamentarischen Geschichte wollen sich die Menschen durch den Turmbau zu den Göttern aufschwingen. Gott straft sie mit unterschiedlichen Sprachen und verhindert damit den Bau. Immer wieder werden in Babel Fragen zu Religion und Glauben angesprochen.

„Tante?“ „Ja, Kindchen?“ „Du glaubst doch?“ „An Gott, meinst Du?“ „Ja.“ „Ja, ich glaube an Gott.“ „Wie ist das?“ „Das ist für jeden anders, denke ich.“ „Ist es schwierig?“ „Für mich nicht. Es geht von selbst.“ „Macht es dich zu einem besseren Menschen?“ „Das sollte es. Ich muss zugeben, dass ich nicht viel darüber nachdenke. Für mich ist es normal, wenn ich mir ab und zu etwas entsage und versuche, Gutes für die Menschen in meiner Umgebung zu tun.“ „Spendet es Trost?“ „Es spendet Sicherheit. Ich bedaure Menschen, die glauben, alles wäre sinnlos und absurd. Das Leben, Alice, ist alles andere als absurd, dafür ist es zu schmerzhaft. Gib acht: Ich habe mich nie für auserwählt gehalten, nie spezieller als andere. Ich sehe das manchmal um mich herum, Leute, die sich benehmen, als wären sie Mitglieder in einem exklusiven Klub, und auf alle von außerhalb herabblicken. Das ist kein Glaube, sondern Snobismus.“ (321 f.)

Oder: „Warum opferte Abraham seinen einzigen Sohn? Aus Liebe zu Gott? Pah! Aus Angst vor dem, was ihm andernfalls bevorstand. Die Furcht vor Gott war stärker als die Liebe zu seinem Sohn.“ (340)

Hochaktuell zeichnet Jan de Leeuw in Babel das Bild eines gesellschaftlichen Sumpfes aus Geld, Neid, sich bekämpfenden Glaubensrichtungen, fehlender Moral und Skrupellosigkeit. Es ist ein großartiger und beeindruckender Roman über die Zerrissenheit unserer modernen Welt. Für Leserinnen und Leser ab 14 Jahren eine äußerst spannende Lektüre.

Jan de Leeuw wurde am 21. Mai 1968 in Aalst/Belgien geboren. Er lebt und arbeitet als Psychologe und freier Schriftsteller in Gent. Seine Jugendbücher wurden mehrfach ausgezeichnet und wurden für den deutschen Jugendbuchpreis vorgeschlagen.


Holger Meischner

Tanja Maljartschuk, Blauwal der Erinnerung: Roman, übersetzt von Maria Weissenböck, Kiepenheuer&Witsch 2019, 288 Seiten

Dieser Roman ist ein unendliches Wunderwerk und so vielfach verschieden lässt er sich auch lesen: Er ist das außergewöhnlich bewegende Zeugnis einer jungen Frau, deren Leben nach gescheiterten Beziehungen ins Taumeln geraten ist, ein Buch über Angst und Traumata, wo das Schreiben als Versuch entsteht, diesen Zwängen zu entkommen. Die Erzählerin versucht, sich über biografische Erkundungen und das Schreiben der Lebensgeschichte eines vergessenen Vorfahren ihrer eigenen Identität zu versichern. Es ist so zweitens auch die Lebensgeschichte des ukrainischen Volkshelden Wjatscheslaw Lypynskyj (1882–1931), eines kauzigen Historikers und Diplomaten, der sich für die sich für die Unabhängigkeit des ukrainischen Staats engagierte. Der Roman ist drittens ein Buch, in dem man vieles über die Geschichte und die dramatischen Wendepunkte der Ukraine lernen kann, eines Landes, das zwischen Polen und Russland hin und hergeschoben, geteilt, immer wieder verwüstet wurde. Lypynskyj stirbt 1931, im Alter von erst 49, doch die Ukraine hat da immer noch einen langen, schmerzhaften Weg vor sich, der bis heute andauert. Sie wurde im Anschluss an den Ersten Weltkrieg nach einer kurzen eigenstaatlichen Phase Teil der Sowjetunion. Es folgten Jahrzehnte voller Tragödien durch Stalinismus, Hungersnöte, Krieg, Unterdrückung, Bevormundung durch die Sowjetmacht. Zwar erlangte das Land tatsächlich nach dem Zerfall der UdSSR seine ersehnte Unabhängigkeit, aber die Verwerfungen halten bis heute an, noch während das Buch entsteht, herrscht im Osten
des Landes noch immer Krieg. Die Verwirklichung der Träume und Visionen des Wjatscheslaw Lypynskyj stehen also immer noch aus, dass er heute vergessen ist und stattdessen ein vielfach grauer, resignativer Alltag herrscht, zeigt, wie sehr Erinnerung und Poesie nötig sind. Nötiger denn je.

Denn vor allem ist dieses Buch auch das: Ein Roman über die Macht der Erinnerung, die Kraft des Lesens und Schreibens. Die zu Beginn so depressiv-verzweifelte Erzählerin schafft es durch das Er-Finden dieser Lebensgeschichte eines anderen, ihrem eigenen Leben neue Kraft und Richtung zu geben. Ein Roman über die Kraft der Erinnerung, die Identität zu schaffen in der Lage ist. Ein vielfach verschachtelter, dennoch poetisch federleicht und in wunderschöner Sprache zu lesendes Buch, das von außen nach innen immer mehr zu verstehen ist, dass sich andersherum von seinem Kern her bis in die äußere Handlung erschließt. Oder, wie Maljartschuk selbst in einem treffenden Vergleich schreibt: „Angeblich sahen die Gemälde der großen Renaissancemaler kurz nach der Fertigstellung ganz anders aus als heute. Der Ruß der Kerzen, der sich jahrhundertelang … auf ihrer Oberfläche abgelagert hat …, deshalb wird kein Museumsbesucher je die ursprünglichen Farben zu Gesicht bekommen. Man kann nur raten, welches Farbspektrum sich unter der Rußschicht verbirgt. Die Vergangenheit ist bloß ein Erraten des Vergangenen.“ Was für ein starkes Bild, für die Erzählerin der Schlüssel zum eigenen Verständnis, das Tor, um das eigene Lesen und Schreiben zu verstehen: „Genauso habe ich mir meine Vergangenheit eingeprägt. Die belanglosen Details spielen darin –oder besser gesagt in der Erinnerung- eine wichtigere Rolle als die erstrangigen.“ (80)

Tanja Maljartschuks vorzüglicher Roman ist das Protokoll einer psychischen Krise, die Aufarbeitung vergessener Kapitel der ukrainischen Geschichte – und eine Hommage an die heilende Kraft der Literatur. Ein Roman über die Kraft des Lesens und Schreibens, ein wunder-volles Buch im besten Wortsinn. Es löst ein, was die Erzählerin an einer Stelle so beschreibt, als sie sich an die Besuche in der Bibliothek und ihre sehnsüchtigen Blicke auf die ganzen ungelesenen Bücher als Schätze erinnert: „Die Vorfreude auf ein Buch war ebenso wichtig wie das Lesen, manchmal sogar noch wichtiger.“ (125) Zu rühmen ist neben Autorin und Roman dabei auch die hervorragende Übersetzerin Maria Weissenböck und der Verlag Kiepenheuer & Witsch: Nicht allein für die Publikation dieser Autorin, sondern auch für die Umschlaggestaltung, die die gewaltige blaue Flosse eines Wals, zugleich aber auch die sich öffnenden Seiten eines Buches assoziieren lässt, großartig. Und so mitten im Zentrum des Romans anlegt. Denn der fragile Grat zwischen Vergessen und Erinnerung, zwischen Verlust und Identität, Zeit und Vergehen wird von Tanja Maljartschuk zuerst und zuletzt durch das Bild eines gewaltigen Blauwals bezeichnet. Über den es zu Beginn heißt: „Die Zeit verschlingt Millionen Tonnen davon, zerkaut und zermalmt sie zu einer gleichmäßigen Masse wie ein gigantischer Blauwal das mikroskopisch kleine Plankton – ein Leben verschwindet spurlos, um einem anderen, dem nächsten in der Kette, eine Chance zu geben.“ (8) Und am Ende: „Erst dann wird mich die Zeit besiegen. Der Blauwal schließt sein Maul und schwimmt weiter. Der gigantische Blauwal des Vergessens.“ (285) Darum dagegen immer wieder: ‚Blauwal der Erinnerung‘ - wahrlich eine Empfehlung wert nicht nur in diesem Sommer!


Dirk Steinfort

 

 

 

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... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.