Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Buch des Monats Mai:

Thomas Melle, Die Welt im Rücken, Rowohlt Berlin Verlag, 352 Seiten, ISBN 3871341703


 

2016 war es Thomas Melles dritte Nominierung für den deutschen Buchpreis und sogar die zweite auf der Short-List. Der Literaturbetrieb lässt ihn zappeln. Melle, 1975 geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Er ist Autor vielgespielter Theaterstücke und übersetzte u. a. William T. Vollmanns Roman «Huren für Gloria». Sein Debütroman «Sickster» (2011) war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman «3000 Euro», der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. 2015 erhielt Thomas Melle, der in Berlin lebt, den Kunstpreis Berlin. In seinen früheren Büchern (Sickster; 3000 Euro) zeigte Thomas Melle schon sein Wissen und seine genaue Kenntnis von den Abgründen, an die Menschen geraten können.
Es gibt Stimmen, die sagen, dass es nichts Verlogeneres gibt als Autobiographien. Die Welt im Rücken widerspricht dem. Es ist nicht nur ein Krankenbericht, sondern es schwingt mehr mit. Während des  Lesens merkt man sofort, dass Thomas Melle etwas zu erzählen hat, durchaus im literarischen Sinn.
Die Welt im Rücken ist ein authentisches Buch. Es ist ein Buch, das uns mit einer Krankheit vertraut macht, über die in unserer Gesellschaft noch immer schamhaft geschwiegen wird: die bipolare affektive Störung. „Zwischen drei und sechseinhalb Prozent der Bevölkerung erkranken mindestens einmal in ihrem Leben an einer der Varianten. Die Dunkelziffer ist hoch: Schätzungsweise die Hälfte der bipolaren Menschen werden nie als solche diagnostiziert.“ (76)
Emotional anregend, sachlich fundiert und spannend bis zum Schluss schildert Thomas Melle seinen Weg durch den Wahn und die Lethargie seiner Krankheit. Es scheint, dass er sich Satz für Satz dieses Werkes abgerungen hat. In jeder Zeile ist die Kraft und der Mut zu spüren, die es brauchte, die Authentizität zu erhalten und nicht in die Fiktion abzugleiten. Es ist ein mutiges Buch, da Krankheitseinsicht bekanntermaßen nicht zu diesem Krankheitsbild gehört.
1999, so die Überschrift des ersten Kapitels, erlebte Melle seinen ersten Zusammenbruch, gefolgt von der ersten Einweisung in die Psychiatrie. Die weiteren Kapitel sind mit 2006, 2010 und 2016 überschrieben und orientieren sich, bis auf 2016, an seinen krankhaften Episoden.
„Man kann sich nämlich kaum ein schambesetzteres Leben vorstellen, als das eines manisch-depressiven Menschen. Das liegt daran, dass ein solcher Mensch drei Leben führt, die einander ausschließen und bekriegen und beschämen: das Leben des Depressiven, das Leben des Manikers und das Leben des zwischenzeitlich Geheilten. Letzterem ist es nicht zugänglich, was seine Vorgänger taten, ließen und dachten.“ (111)
Thomas Melle gibt uns mit bemerkenswertem Detailreichtum Einblicke in seine Lebenswelten, seine Wahrnehmung und in sein Denken während seiner manisch-depressiven Episoden. Die Zeiten des „zwischenzeitlich Geheilten“ kommen leider in diesem Buch zu kurz: Wie ist ein Leben in und mit dieser Unsicherheit möglich? Wie gehen Freunde und Bekannte mit einem nicht einschätzbaren Menschen um? Wie belastbar erweisen sich Freundschaften, Beziehungen und Familienleben?

„Wenn Sie manisch-depressiv sind, hat ihr Leben keine Kontinuität mehr. Was sich vorher als mehr oder minder durchgängige Geschichte erzählte, zerfällt rückblickend zu unverbundenen Flächen und Fragmenten. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer Selbst nicht mehr sicher sein.“ (113)
Thomas Melle ist der Mittelpunkt seiner Welt. Er hat die Welt im Rücken. In seinem Wahn glaubt er, mit Madonna geschlafen und mit Björk oder dem verstorbenen Picasso persönlich in Kontakt zu stehen. Viele Prominente reagieren vermeintlich auf ihn und seine Texte. „In meiner Prominentenfixiertheit blieb ein letzter manischer Rest übrig, das weiß ich noch. Trent Reznor hatte einen Oscar für den Soundtrack von >The Social Network< gewonnen, und er hatte ihn, wie ich seinen Lippen bei der Dankesrede ablesen konnte, offensichtlich mir gewidmet.“ (318)
Neben den beklemmenden und absurden, bisweilen tragikomischen Zeugnissen seiner krankhaften Wahrnehmung wird in Die Welt im Rücken sehr deutlich,  welche immensen Zerstörungskräfte in Thomas Melle wirken. Die Konsequenzen seines wahnhaften Verhaltens, der Exzesse und Kaufräusche waren Überschuldung, Obdachlosigkeit und die Bestellung eines gesetzlichen Betreuers: „Dieses Leben war bereits umstellt und umlagert. Die Aktenberge wuchsen an: Eingliederungsvereinbarungen, Stundungsangebote, Leistungserbringungsverträge, Fallmanagementberichte, Hilfsbedarfsanmeldungen, Schweigepflichtentbindungserkärungen, Betreuungsverfahrens-bescheide, Betreuungswiedereinsetzungsanträge, Kostenübernahmeformulare, gerichtliche Geltendmachungen, Vollstreckungsbescheide. Ein nervenärztliches Fachgutachten bestätigte, dass eine manisch-depressive Psychose festzustellen sei, mit gegenwärtigem hypomanem Zustandsbild bei abgeklungener Manie samt chronischem Alkoholmissbrauch." (313)
Es macht den Eindruck, dass Thomas Melle sich von seiner Krankheit freischrieb, sich stigmatisierte, um ein Stigma loszuwerden. Die Welt im Rücken ist eine fesselnde Chronik eines zerrissenen Lebens, ein autobiografisch radikales Werk von höchster literarischer Kraft, das 2016 den deutschen Buchpreis leider nicht gewonnen hat. Thomas Melle hätte ihn mit diesem Buch verdient.

Holger Meischner

theologie-und-literatur.de

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