Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Bücher des Monats Dezember:

 

 

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau, Hanser-Verlag, München 2017, ISBN 3446256482, 288 Seiten.

Linda Boström Knausgard, Willkommen in Amerika, Schöffling & Co. Verlag 2017, ISBN 3895611239, 144 Seiten

Mirko Bonné: Nie mehr Nacht, Schöffling & Co 2013, ISBN 3895614068, 360 Seiten



 

Orhan Pamuk ist der Meister der Ironie des Schicksals. Dabei zeichnet ihn ein feinsinniger Humor aus, der die Lektüre zum Vergnügen macht – freilich obwohl man schon ahnt, dass es nicht zu einem Happy End kommt.

Die rothaarige Frau ist ein Roman über Väter und Söhne. Die Geschichte um diese rothaarige Frau, den jungen Mann Cem und seine spätere Ehefrau Ayse wird verknüpft mit den Sagen um Ödipus, die westliche Variante, und Rostam und Sohrab, die östliche Variante der Erzählung. Der Icherzähler Cem schreibt: „Damals gewöhnte ich mir überhaupt an, auch im Alltagsleben Väter und Söhne mit Ödipus und Rostam zu vergleichen“ (163). Für Cem und seine Frau Ayse wird das zum Spiel, das sie über ihre Kinderlosigkeit hinwegtrösten soll. Ihre Immobilienfirma nennen sie dann nach dem Sohn der östlichen Sage Sohrab.

Die Geschichte spinnt eine Weile ihre Fäden, bis am Ende alles zusammenpasst. Auf einmal gibt es doch einen Sohn und die Realität kann die Sage einholen, doch ob Ödipus zum Vatermörder wird oder Rostam zum Mörder seines Sohnes, man muss das Buch schon lesen, sonst erfährt man es nie.
Es ist übrigens nicht dick, 285 Seiten, die wie bei einem pageturner üblich, schnell gelesen sind. Amüsiert und ein wenig wehmütig legt man das gelesene Buch zur Seite, wohl ahnend, dass es zu den Büchern gehört, die einem bleiben werden.

Christiane Bundschuh-Schramm

Ich spreche schon seit Langem nicht mehr. Alle haben sich daran gewöhnt. Meine Mutter, mein Bruder. Mein Vater ist tot, also weiß ich nicht, was er dazu sagen würde. Vielleicht ist es ererbt. Das Erbe schlägt in meiner Familie hart durch. Unerbittlich. In direkt absteigender Linie (7).
Mit diesen eindrücklichen Worten zieht uns Linda Boström Knausgard in ihren Roman Willkommen in Amerika. Es ist die Geschichte eines traumatisierten Mädchens. Ihr Vater trinkt, schlägt die Mutter und liegt wochenlang depressiv im Bett. Ihre Mutter ist beseelt von der Vorstellung, in einer „hellen“ Familie zu leben. Sie ist Schauspielerin, überspielt die familiären Probleme und trägt so zu einer enormen Unehrlichkeit in der Familie bei. Die Kinder sind zwischen den Polen ihrer Eltern gefangen.
Willkommen in Amerika ist aus der Sicht der elfjährigen Ellen geschrieben. Sie und ihr älterer Bruder erleben die Hilflosigkeit der Eltern und suchen eigene Wege um ihren Alltag zu verarbeiten. Der Bruder schließt sich in sein Zimmer ein, flüchtet sich in die Musik. Ellen beschließt nicht mehr zu sprechen. Die Nacht war ein Freund. In der Nacht war die Stille nichts Besonderes, Und die Einsamkeit war unverstellt. Anders als am Tag, wo mein Schweigen gleichsam eine Reaktion auf Mama oder meinen Bruder war. Ich war eins mit der Nacht, und wir sprachen dieselbe Sprache. Atmeten dasselbe Schweigen (60). In ihrer Verzweiflung betet sie zu Gott und bittet ihn um den Tod des Vaters. Als dieser dann tatsächlich eintritt, verzweifelt sie an der vermeintlichen Kraft ihrer Gedanken und ihrer ersten Zusammenarbeit mit Gott. Wie groß muss die Angst und die Verzweiflung eines Kindes sein, damit es sich den Tod des eigenen Vaters wünscht? Und wie groß müssen dessen Schuldgefühle sein, wenn dieser tatsächlich eintritt?
Ist Willkommen in Amerika ein Roman über eine besondere Familie? Leider nicht. Laut Drogen- und Suchbericht der bundesdeutschen Drogenbeauftragten 2017 konsumieren 7,8 Millionen Menschen (d.h. fast 10% unserer Bevölkerung!) Alkohol in gesundheitlich riskanter Menge. Über 2,6 Millionen Kinder wachsen in Familien auf in denen Väter oder Mütter alkoholkrank sind. Diese Zahlen sind erschütternd.

Linda Boström Knausgard bleibt in ihrem Roman konsequent in der Gefühlswelt des Kindes. Die Dunkelheit war überall. Die Dunkelheit roch. Sie roch nach Angst und etwas Süßem. Die Dunkelheit strömte aus dem Hahn und füllte die Badewanne. Ich wusch mir darin die Haare, meinen Körper, meine ganze Person. Ich aß von der Dunkelheit und wurde innerlich davon eingefärbt. Die Dunkelheit schlich sich Schritt für Schritt ein. Nur Mama war weiterhin hell (41). Letztlich bricht Ellen ihr Schweigen. Sie schreibt einen Satz in ihr Tagebuch. In diesem Moment ändert sich etwas in ihr. Ob sie weiter schreibt, bleibt ungewiss, dennoch erlebt sie eine neue Freiheit.

Linda Boström Knausgard wurde 1972 als Tochter einer Schauspielerin geboren und ist Autorin von Gedichten, Erzählungen und Romanen. In Schweden wurde Willkommen in Amerika für den renomierten August-Preis nominiert. Willkommen in Amerika lebt von der Stärke der Sprache. Linda Boström Knausgard ist eine wunderbare Erzählerin. Man spürt mit jedem Satz, dass sie eine Lyrikerin ist. Der gesamte Text ist kraftvoll, mitreißend und so verdichtet, dass man zuweilen zu atmen vergisst.

Holger Meischner

‚Der Glücksfall eines schwebend leichten Romans von großer Tiefe.‘ So beschrieb die Jury des Deutschen Buchpreises 2013 den mittlerweile auch als Taschenbuch vorliegenden Roman ‚Nie mehr Nacht‘ des deutschen Schriftstellers Mirko Bonné.

Bonné, geboren 1965, ist ein Autor, den es unbedingt zu entdecken gilt, und dabei empfiehlt sich ‚Nie mehr Nacht‘ in besonderer Weise, denn dieser Roman ist sowohl von der außergewöhnlichen, spannend erzählten Handlung als auch von immer wieder glänzend geschriebenen Passagen mit Sätzen, die man sich anstreichen und behalten möchte, bis hin zum furiosen, wenn auch unerwarteten Finale durchaus typisch für Bonné. ‚Schwebend leicht und von großer Tiefe‘, das trifft es, man könnte auch sagen, bei aller gedanklichen und inhaltlichen Schwere packend erzählt. Denn ‚Nie mehr Nacht‘ ist ein Buch über eine familiäre Katastrophe und über ein Familiengeheimnis.

Am Anfang steht die Katastrophe: Ira, die Schwester des Ich-Erzählers Markus Lee, hat sich das Leben genommen. Um diesen Verlust zu verarbeiten, lässt sich Lee auf eine Reise in die Normandie ein. Dort soll er für ein Magazin Brücken zeichnen, die bei der Landung der Alliierten im Juni 1944 eine militärisch wichtige Rolle spielten. Er nimmt dabei seinen Neffen Jesse mit, den Sohn Iras, beide hüten in Frankreich das Haus der Familie eines befreundeten dänischstämmigen Ornithologen. So die durchaus vertrackte Anlage des Romans, der zudem noch dadurch komplizierter wird, als dass die Hauptfigur begeisterter Leser des ‚Grünen Heinrich‘ von Gottfried Keller ist, an dessen Roman sich nun Markus Lee, mit ihm der Leser und dadurch auch die Handlung insgesamt orientieren. Dieser Roman im Roman wird insgesamt zum Schlüssel des ganzen Buches, soll heißen, Keller-Leser werden gewiss mit noch mehr Gewinn weitere Spuren entdecken: Denn spätestens dessen erzählerische Mitte ist sowohl die Umwandlung einer Szene aus Gottfried Kellers "Grünem Heinrich", in der eine junge Tote keine Ruhe findet, als auch eine Weiterschreibung des von Ovid überlieferten Mythos von Orpheus in der Unterwelt. Eine Doppelgängerin der toten Schwester Ira tritt auf, sie arbeitet in einem Fährbüro in Calais. So, wie in der griechischen Antike der Fährmann Charon mit den Verstorbenen über den Fluss Styx setzte, bringt sie Markus Lee, der sich den Schatten seiner Vergangenheit stellt, längs des Ärmelkanals nach Bremerhaven.

Was sich hier kompliziert anhört (und es auch ist – aber eben gut und spannend erzählt!), ergibt sich im Roman wie von selbst, dabei ist die Handlung alles andere als selbstverständlich. Bonné will vieles in einem Buch und er schreibt ohne Netz und doppelten Boden zugleich einen tragischen Familienroman, ein Roadmovie über die Reise eines Mannes in der Lebensmitte und eines Jugendlichen, die beide auf der Suche nach einem Neubeginns nach existentiell dramatischem Verlust sind, ein Buch über die Kraft der Kunst ist es zudem, die Macht des Erzählens wie den Versuch, Orte der Erinnerung durchs Zeichnen festzuhalten. All das und noch viel mehr, wie gesagt, vielfach verschachtelt und mitunter auch nicht leicht durchsteigen. Immer wieder aber mit glänzenden Passagen und Sätzen wie diesen: „Was willst du mit deiner Zeit anfangen, wenn du aufhörst zu zeichnen, fragte ich mich. Wie sollte ich beitragen zu Kellers ‚Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer Augen‘? Gar nicht. Besser bei den eigenen Augen beginnen. Lieber grüner Heinrich! Wie ich so durchs nasse Gras der Kanalböschung schlurfte, versuchte ich mir einzureden, dass ich nur damit anfangen musste – mit der Achtsamkeit Ernst machen, auf der Stelle konnte man damit beginnen! Sieh hin!“ (153)

Dirk Steinfort

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