Theologie und Sendung

Buch des Monats

Seit Januar 2011 betreut Dr. Dirk Steinfort (Böblingen) diese Rubrik. Bei Rückfragen, Wünschen o.ä. nehmen Sie bitte Kontakt auf: steinfort(at)keb-boeblingen.de

 

Buch des Monats Februar:

 

 

Paul Auster: 4321. Roman, aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl, Rowohlt Verlag 2017, ISBN 3498000977, 1264 Seiten.



 

Ein Junge fällt vom Baum, bricht sich ein Bein und liegt nun mit Gips außer Gefecht in seinem Zimmer, schaut hinaus und beginnt, seine Gedanken fliegen zu lassen: Wie wäre es, wenn er nicht vom Baum gefallen wäre, wie wäre dann der Tag, diese Wochen, sein Leben verlaufen? Oder wenn er sich nicht nur ein Bein, sondern gleich beide und die Arme dazu gebrochen hätte? Wenn er beim Sturz ums Leben gekommen wäre? Oder weiter: Wie wäre es, wenn er Sohn anderer Eltern, an einem anderen Ort, zu anderer Zeit, ohne Baum im Garten wäre? Und so weiter, all diese Gedanken kreisen durch seinen Kopf, endlose Schleifen und Entwicklungen. Wenn dies geschieht, sind wir längst mitten im faszinierenden Roman ‚4321‘ von Paul Auster, der eben diese Gedankenflüge zwischen unendlichem Vexierspiel mit tausendundeiner Spiegelung und den philosophisch-existentiellen Fragen dahinter zu seinem Konstruktionsprinzip gemacht hat.
Archibald Ferguson, so heißt der Junge, wird am 3. März 1947 in New Jersey geboren, auf wenigen Seiten skizziert Auster zunächst die Einwanderungsgeschichte seiner Großeltern, danach verfolgen wir seinen Lebensweg durch die Fünfzigerjahre und erleben mit ihm die Tumulte der Sechziger. Beziehungsweise erleben mit ihnen ihre Lebenswege, denn Auster tischt uns gleich vier Versionen des einen Lebens auf, vier gleichermaßen plausible und spannend bewegend erzählte Verläufe der Zeitgeschichten, Lebensgeschichten in der Zeit, Vietnam und die Rassenunruhen im Amerika bilden den Hintergrund, der dabei immer wieder sehr stark eingeblendet wird. Vier Versionen des einen Lebens des Archibald Ferguson, begeisterter Fan von Baseball und Basketball, immer wieder beeindruckt und beeinflusst durch Filme und Literatur. Mal ist Ferguson grüblerisch-zweifelnd an sich und der Welt veranlagt, mal überheblich und altklug, mal ein regelrechter Womanizer, mal unsicher in seiner sexuellen Orientierung, mal glücklich schwul. Auch andere Personen haben dabei unterschiedliche Verläufe ihres Lebens, was die Geschichten zusätzlich komplexer gestaltet, denn mal kreuzen sie Archies Lebenslauf, mal nicht, mal an ganz anderem Punkt mit anderer Konstellation, was wiederum Auswirkungen auf die Biografie Fergusons hat. Kleines Beispiel noch die Eltern, die in einer Version verheiratet bleiben, in einer zweiten Version sich aber trennen und neu heiraten, was zu einer Stiefschwester führt, mit der Ferguson eine Beziehung eingeht oder nicht. Mal so, mal so, alles aber jeweils dicht und überzeugend erzählt, so dass die Entscheidung, was denn nun die eigentliche, die ‚richtige‘ Fassung des Lebenslaufes ist, jedenfalls literarisch nicht zu entscheiden ist. ‚4321‘ steht für vier völlig unterschiedliche Versionen eines Lebenslaufes, der an entscheidenden, aber auch völlig banal zufälligen Weichenstellungen unterschiedlich abbiegt und dann ausmalt, wie das jeweilige Leben auf dem Weg weitergeht: „Identisch, aber verschieden, soll heißen, vier Jungen mit denselben Eltern, demselben Körper und demselben genetischen Material, aber jeder mit seinem eigenen Gefüge von Umständen in einem anderen Haus in einer anderen Stadt lebend. Von den Auswirkungen dieser Umstände hierhin und dahin gedreht, würden die Jungen sich im Fortgang des Buches auseinanderentwickeln, würden als immer unterschiedlichere Charaktere durch Kindheit, Jugend und Mannesalter krabbeln, gehen oder galoppieren, jeder auf seinem eigenen, separaten Weg, und doch alle immer noch derselbe Mensch…“ (1254) Wenn der Leser diesen Abschnitt erreicht, ist er schon fast am Ende dieses groß angelegten und großartigen Romans, er bekommt nochmals erklärt und vorgeführt, was die Idee dieses Buches ist, durch das er nun gestiegen ist, dass man im Grunde lesend Zeuge geworden ist, wie ein Mensch seine Biografie er-findet, wie sich der Autor und seine Hauptperson bis zum Verwechseln annähern und doch in unendlichen Bildern und Versionen zersplittern. All dies zu jeder Zeit und in jeder Fassung spannend und immer wieder höchst dicht und poetisch formuliert, die großen Handlungsbögen und immer wieder auch jede einzelne Nuance, das Gesamt und die einzelnen Mosaiksteinchen, genau ausgearbeitet und so wunderbar funkelnd. An der Stelle sind darum auch die Übersetzer dieses so umfangreichen wie komplexen Romans dankend zu rühmen, es sind, wie sollte es anders sein, gleich vier Männer! „Es konnte nie zu Ende gehen. Die Sonne klebte am Himmel, aus dem Buch war eine Seite verschwunden, und es würde immer Sommer sein, solange sie nicht zu heftig atmeten oder zu viel verlangten, immer der Sommer, als sie neunzehn waren und endlich, endlich fast, endlich vielleicht fast kurz davorstanden, sich von den Momenten zu verabschieden, als alles noch vor ihnen lag.“ (771)

Paul Auster, ein Meister auf der Höhe seiner Erzählkunst, macht uns lesebegeisterten Aficionados eine einzigartige und zugleich vielfach außergewöhnliche Gabe zu seinem siebzigsten Geburtstag, ‚4321‘ ist Austers bedingungsloses Geschenk an die Kunst des Romans in höchst komplexen, vielfach rätselhaften und zugleich frag-würdigen Zeiten. Auster, geboren am 3.2.1947 (genau einen Monat vor seiner fiktiven Hauptfigur Ferguson!), studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University und verbrachte danach einige Jahre in Frankreich. International bekannt wurde er mit seinen frühen Romanen 'Im Land der letzten Dinge' und der 'New-York-Trilogie'. Er lebt in Brooklyn und ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet. Sein umfangreiches, vielfach preisgekröntes Werk umfasst neben zahlreichen Romanen und Drehbüchern auch Essays und Lyrik sowie Übersetzungen zeitgenössischer französischer Lyrik.
Auster führt vor, was diese existentielle Fragestellung auch rein romantechnisch für Auswirkungen hat, denn die Geschichten verlaufen nicht in klarer linearer Abfolge, sondern sind vielfach miteinander verzahnt, berühren sich an gewissen Punkten, Menschen kreuzen den Weg an einem Punkt oder einem ganz anderen, früher, später oder gar nicht: Was hat das aber für Auswirkungen, wenn ich eine Begegnung, eine Konfrontation, einen Impuls an einem gewissen Punkt meines Weges erhalte oder nicht? Und was heißt das dann wiederum auch für das Erzählen einer Geschichte? „…die Lebensgeschichte eines Menschen zu erzählen, ohne sie als fortlaufende Geschichte zu erzählen, sich bloß in verschiedene unzusammenhängende Augenblicke zu stürzen, um eine Handlung, einen Gedanken oder einen Impuls zu beleuchten und dann zum nächsten Augenblick weiterzuspringen, und trotz der Lücken und der Stille zwischen den einzelnen Teilen würde der Leser sie im Kopf zusammenfügen… sodass die gesammelten Szenen sich zu etwas summierten, das einer Geschichte oder mehr als einer Geschichte glich – einem langen Roman im Kleinformat.“ (711) Das kann man wohl sagen! Ein unendlich langer Roman in tausenderlei funkelnden Bildern, bei dem man doch den Eindruck hat, er ist längst nicht zu Ende erzählt, da es nur um einen kleinen Abschnitt weniger Jahre im (oder in den!) Leben des Archibald Ferguson geht. Und weil man eingeladen ist, lesend in diesen großen Roman einzusteigen und ihn so durch eigene Phantasiegeschichten weiterzuspinnen und mit eigenen Versionen des Lebens anzureichern, auch diese Dimension des Romans liefert Ferguson/Auster gleich mit: „Ein Buch über ein Buch, ein Buch, das man betreten konnte wie einen echten, dreidimensionalen Raum, ein Buch, das die Welt war und doch ein Gedankenprodukt, ein Rätsel, eine Landschaft voller Schönheiten und Gefahren, und nach und nach sollte sich darin eine Geschichte entfalten… ein  Buch, das zu schreiben unmöglich war und das sicher zu einem wüsten Chaos unverbundener Bruchstücke zerfallen würde…“ (1049)
Darum ist ‚4321‘ neben einer packenden amerikanischen Zeitgeschichte der 60er Jahre, neben einem klassischen Bildungsroman in vier Versionen über Jugend und Erwachsenwerden eines zugleich dichterisch ambitionierten wie politisch interessierten Menschen vor allem auch eine Hommage an die Kraft der Literatur, ein Roman, der zugleich das Schreiben und Lesen selbst zum Thema hat und macht: Paul Auster schreibt mit ‚4321‘ einen Roman, der das für den Leser „Innerste umgekrempelt und ihn zu einem anderen Menschen gemacht, seine Annahmen über die Welt in die Luft gesprengt und ihn auf geistiges Neuland gestoßen hatte, von dem aus diese Welt plötzlich ganz anders aussah…“ (861) Wer sich auf solches Abenteuer lesend einlassen möchte, wird von Auster unendlich beschenkt und für sein eigenes Leben verwandelt. Aber eigenes Leben – was heißt das schon? „Alle hatten Ferguson immer erzählt, das Leben gleiche einem Buch, einer Geschichte, die auf Seite eins beginne und voranschreite, bis der Held auf Seite zweihundertvier oder neunhundertsechsundzwanzig sterbe… Das Leben ähnelte eher dem Aufbau einer Boulevardzeitung, Großereignisse wie der Ausbruch eines Krieges oder ein Mord im Gangstermilieu auf der Titelseite und weniger wichtige Nachrichten auf den folgenden Seiten… Die Zeit bewegte sich in zwei Richtungen, denn jeder Schritt in die Zukunft beinhaltete eine Erinnerung an die Vergangenheit…“ (505f)

Dirk Steinfort

theologie-und-literatur.de

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